Verehrter freund, schönsten Dank, daß Du wieder etwas von Dir hören lässest. Solche
„Behelligungen“ sind mir stets hochwillkommen. Meine herzlichsten Wünsche begleiten
Dich auf Deiner Erholungsreise. Ich wollte, ich könnte mit – südwärts. Aber die
Conzertsaison dehnt sich bei mir noch weiter aus, als ich vermuthet. Am 8 Mai spiele
ich noch in Erfurt, später in Stralsund und andren Nestern, der „Ehre“ wegen. Meine
diesjährigen Ferien will ich dies mal nicht übertreiben. Wie Du Deine Pensionen für
Dich massgebend sein lässest, so will ich mich diesmal der Conservatoriumspause
anbequemen. Meine Frau hat das gerechte Verlangen, etwas Andres, Neues zu sehen – wir
gehen auf 4 Wochen nach Copenhagen, oder vielmehr auf das Land oder den Strand in der
Umgegend – etwa nach Klampenborg. Sie soll abwechselnd Seeluft „kneipen“ und
plastische Kunst im Thorwaldsenmuseum u. s. w. Das ist eine „Land“partie, die
Berlinern nicht einzufallen pflegt, wesshalb wir vor der Berührung mit denselben
ziemlich sicher sind – ferner hat sie den Vorzug der Wohlfeilheit und Bequemlichkeit.
äDrei Stunden Eisenbahn, 16 Stunden Dampfboot. Wir werden wahrscheinlich die Zeit vom
8 Juli bis 8 August dazu verwenden.å Deinem Beispiele folgend in der Reihe der
Mittheilungen schlage ich zuerst das „alte Testament“ auf. Sollte ich über äHirschå
wirklich so pessimistisch geschrieben haben? Der Mensch macht mir im Grunde Freude.
Er ist intelligent und nicht oberflächlich. Freilich über einen guten Bravourspieler
wird er es kaum hinausbringen. Aber das ist immerhin Etwas, das schon über Jaëll
hinausgeht. Er hat Feuer und Rasse, möchte ich sagen – das ist vielleicht die
Lichtseite des „foetor judaicus“. Den Judenjungen wird er nicht ablegen – aber wohl
etwas befirnissen lernen. Als er in der Prüfung auf die Estrade stieg, sagte mein
Nachbar Lassalle, der sich auf sein Volk versteht „es sei ihm, als ob ein Wald von
alten Kleidern heranwimmele“. – Ein ziemlich gebildeter Engländer, über die
Dreissiger hinaus und aus Passion Schüler des Institutes, nimmt sich, wie es scheint,
äHirschå’s etwas an. Seinen norddeutschen Mitschülern ist er nicht sympathisch – doch
strebe ich, ein gutes Einvernehmen mit diesen „anzubahnen“. Weitzmann lobt übrigens
äHå’s Aufmerksamkeit und Regelmässigkeit. – Sei übrigens versichert, daß ich mein
Möglichstes thun werde, daß äHirschå Dir, der Du eine so vortreffliche Grundlage in
ihm errichtet, keine Schande machen soll. Da es Dich in „peinliche Verlegenheit“ zu
setzen scheint, daß Du bei uns so populär geworden, so mache ich mir die
Schadenfreude, Dir einen neuen Beweis davon zu unterbreiten. Auch im
Mecklenburgischen grassirt Deine Musik. In der Stadt „Güstrow“ wo es tüchtige
Dilettanten gibt, beherrschest Du ausschliesslich das Reich der Tonkunst.
Buchstäblich wahr. Da wird nur Raff gespielt und gesungen, nb. auch die
Streichquartette und Violinsonaten gegeigt. Den Vorwurf, daß ich mich ruiniren wolle,
deprecire ich. Ich finde zwar täglich, daß „Nichtsein“ schöner ist als „Sein“ aber
zum langsamen Selbstmord habe ich mich noch nicht entschlossen. Was nun Deine in die
Fürsorge für das Wiesbadner Publikum gekleidete Theilnahme für die Erhaltung der
sommerlichen Erwerbsquelle eines Wiesbadner Conzertes zu meinem Vortheil anlangt, so
bin ich Dir aufrichtig dankbar dafür. Ich schäme mich nicht zu gestehen, daß ich in
dem „struggle for life“ gewissenlos genug geworden bin, die 25 preuss. Königsbilder
aus Schwendts Kasse mit ganz besonderem Vergnügen einzustreichen, noch dazu, da die
Verbindung des utile cum dulci durch Ermöglichung eines Besuches bei Dir so gut
stimmt. Wozu soll ich mich also zimperlich sperren, mich glücklich machen zu laßen?
Aber die Zeit? Könnte man mich noch im August brauchen? Mit dem Lisztschen 2ten
Conzerte dürfte es wohl wieder nichts werden. Oder ist Hagen und Kapelle jetzt
definitiv von der Administration ständig engagirt? Don Juan- und Robert-Fantasie habe
ich dagegen als lokalitätsentsprechend zu offeriren und bin bereit, darin die
Concurrenz mit Pallat zu bestehen. Oertling hat mir das Schreiben an Barth mit
Berliner Impudenz abgebettelt. Er spielt übrigens gut, besser als Baldenecker und
Gleichauf – ohne hervortretende Individualität. Mit Lange hat er Deine beiden Sonaten
recht sauber und frisch vorgetragen. Mendelssohns Conzert, Joachim’s, Rubinsteins
bewältigt er. – Damrosch und ich sind gegenwärtig etwas brouillirt. äIch schüttle
jedes Jahr ein Paar Zukunftscollegen ab, wenn sie, wie das der Fall bisher gewesen,
durch Albernheiten u. s. w. Anlaß geben. Im vor. Jahr habe ich Bronsart und Dräseke
abgeschnallt, im letzten Winter Damrosch und Ritter. å Von „Sängers Fluch“ habe ich
erst die Hälfte Correctur bekommen. Dass ich Dir zuerst ein Exemplar – nicht ohne
Herzklopfen schicke – versteht sich, da Du’s erlaubst. Ich lege dann die Auferweckung
Ph. Em. Bach’s bei – vielleicht mich selbst. Auf die Vaterlandssinfonie bin ich trotz
Deines Abwiegelungsversuches meiner Gespanntheit, immer noch so frei, mich zu freuen.
Du meinst, der „Germanismus“ derselben würde mir zu „barbarisch“ erscheinen. Ich
gestehe – das Prädikat ist geeignet mich, was nicht nöthig, mit dem Hauptwort zu
versöhnen. Ohne äHirschåliches Blut in meinen Adern zu haben, erfreut sich meine
Sinnlichkeit mit Vorliebe an „Barbarischem“. In Rubinstein goutire ich dieses
reichlich vertretene Element ganz speziell. Ich habe jetzt mit Wonne sein drittes
Conzert G dur studirt, das ich dieser Tage in Erfurt probiren will. Es gehört
übrigens zu seinen frischesten flüssigsten Arbeiten. Kennst Du es? äDa Du nichts von
dem Befinden Deiner selbst und Deiner verehrten Frau Gemahlin schreibst, so nehme ich
an daß nur Gutes darüber zu berichten wäre. À propos heisst es noch „Fräulein Emilie“
oder schon „Frau Schwägerin“? John’s Anerbieten benutze nur, wenn Du magst. Du machst
dem Menschen eine ungeheure Freude damit. Darf ich Dir einen jungen Schüler
empfehlen, der ein Vierteljahr in Wiesbaden zubringen wird? 18 Jahr, besucht das
Gymnasium spielt auswendig Op. 73 und die drei letzten Theile von Op 91 und zwar mit
einer Sicherheit und Sauberkeit, dabei ohne Harmoniekenntniss so fein und
verständnißvoll, daß es Dir entschieden Spass machen würde, ihn zu hören. Ich sagte
eben er sei 18 Jahr – er ist noch jünger. Name: Paul Kuczynski, Sohn eines hiesigen
vornehmen Kornwucherers oder drgl. Sein Onkel, von dem ich ihn vor drei Jahren
überkommen, ist hier Musiklehrer und war der erste, der mich in der Propaganda für
Dich feurigst unterstützte. Vielleicht bittet Dich Paul um einigen Unterricht.
Hättest Du noch Zeit dazu? Natürlich 2 Thlr. die Lection. In den verflossenen Monaten
habe ich eine talentvolle aber recht unliebenswürdige Schülerin von Dir unterrichtet,
die ihre Klavierlehrer kaum noch wird zählen können, da sie sehr viel reist und in
allen Residenzen Lectionen nimmt – Frl. Josephine Saulson. Erinnerst Du Dich
derselben? Ich fange an in den müßigsten Mundklatsch hineinzugerathen.å Noch Eines.
Wie hoch singt Deine Schwägerin bequem? Ich möchte Frlau Dr. Merian ein Liederheft
widmen. Drei Knirschlieder sind schon fertig – ich warte nur auf eine glückliche
Inspiration für eine frühlingsmässigere Hälfte. Marx vor einigen Tagen blind
geworden, wie mir so eben erzählt wird – die voriges Jahr so wunderbar kurirte
Zuckerkrankheit scheint ihren Stoff auf die Augen geworfen zu haben. Meyerbeer sehr
rüstig, soll jeden Abend im Ballet sein. Bock todt, wie Du wohl erfahren hast. So
schliesse ich denn wieder mit dem „alten Bunde“. Nochmals besten Dank und herzliche
Grußerwiderung von Mutter und Frau. Töchter sind noch nicht so weit. äIn treuer
Verehrung Berlin, 3 Mai 1863. Dein ergebener Vom 1 October ab: 25. Schöneberger Str.
HvBülow. ◊2Wagner hier durchgereist nach Wien vorläufig. Sehr abstrapaziert aber
zufrieden mit materiellem Erfolge in Russland, der ihm ein Jahr Sorgenfreiheit
garantirt.å [copyright Simon Kannenberg]