Verehrter freund, zuerst die verlangte umgehende Rückantwort auf Deine Anfrage vom
5ten d.: Der § 7 in meinem Contrakt mit Prof. Stern lautet folgendermaassen: „Hr v.
B. verpflichtet sich, keinen Schüler des von dem pp. Stern geleiteten Institutes in
seinen Privatunterricht zu nehmen, auch wenn der Schüler das Institut verlaßen hätte
– und zwar bei einer Conventionalstrafe von Einhundert Thaler für jeden Fall.“ — Aber
auch wenn dieser § nicht existirte, würde ich doch die Erfüllung von Vater äHirschå’s
Wunsch ablehnen müssen, in seinem, meinem und äHirschsohnså Interesse, in dem meiner
Zeit, äHirschåvaters Geldbeutels und äHirschåsohn’s Zukunft. – Letzterer hat als
Virtuos bedeutende Fortschritte gemacht; ich habe ihn in beiden Prüfungen spielen
lassen und er hat mit Chopins Asdur Polonaise und Liszts Ernaniparaphrase beide Male
„den Vogel abgeschossen“. Ich war selbst überrascht von seinem Feuer, seiner Energie
und was mehr bedeuten will, seiner Besonnenheit. Mit seinem Eifer in den Stunden war
ich stets zufrieden – leider hat er in der Theorie unter dem Vorwande, daß er das im
letzten Semester von Weitzmann Vorgebrachte bereits früher erledigt, häufig
„geschwänzt“ – ich habe ihm lebhafte Vorwürfe gemacht, als ich’s erfahren aber –
„enfin“ – Präventiv\wirksame/ Maßregeln kann ich zur Überwachung seines Fleisses bei
den anderen Lehrern nicht ergreifen. (Im Italiänischen ist er ebenfalls faul gewesen)
Ich könnte mich des Ausführlichen extendiren über die Erspriesslichkeit des
gemeinsamen Unterrichts in meiner Klasse speziell für äHermann Hirschå. Erlaube, daß
ich wenigstens die wichtigste Seite herausgreife. äHirschå’s Ambition ist eine
spezifisch jüdische – er will Effekt machen, sich ein Ränzlein von Bravourstücken
anschnallen, die er (vielleicht im Einverständniß mit „Tate“ ) zur Sommerzeit in den
Bädern verwerthen möchte. Ich habe ihn ein paar Mal auf Nachlässigkeiten ertappt
bezüglich solcher Aufgaben, die ihm für jenen praktischen Zweck nicht geeignet
schienen. Der Ernst mit dem einige meiner norddeutschen Conservatoriumsschüler einen
andren Weg einschlagen, dürfte mit der Zeit seiner Ambition eine noblere Tendenz
verleihen. Vor der Hand steht er leider ziemlich isolirt unter seinen Mitschülern,
die von seinem rohen ungebildeten Wesen abgestossen, vielleicht auch mit einem
gewissen Neide erfüllt ob seiner hervorragenden Anlagen – ihm keine Avancen gemacht
haben. Hiergegen werde ich jetzt einschreiten: früher war’s nicht möglich. Ich hoffe
auf eine gute Wirkung meiner neulichen Predigt. äHirschå thut eine Kameradschaft mit
gebildeten Altersgenossen noth. – Ich brauche nicht zu erwähnen, daß er durch den
Besuch meiner Ensembleklasse verschiedene Anregungen erhalten kann, die ihm mein
Privatunterricht nicht zu gewähren vermag. Erstlich hat er immer ein Publikum, dessen
Urtheil er scheut, weil ich es mache. Dann lernt er die Klavierlitteratur nolens
volens kennen durch die Vorträge der Anderen – sein „häuslicher Fleiss“ dürfte ihm
diese Kenntniss nicht erwerben, so weit ich glaube schliessen zu können. äKurz –
meiner Ansicht nach ist’s in jeder Beziehung besser daß er den Unterricht im
Conservatorium bei mir geniesst als einen Privatunterricht – den er, wie ich im
Eingange explizirt habe, nun und nimmer bei mir nehmen kann. Hirschå’s Beschäftigung
im verflossenen Semester in meiner Klasse war folgende: Gmoll Conzert v. Moscheles,
Conzertstück von Weber, (repetirt:) Mendelssohns Capriccio Op. 5. Schumanns
Kreisleriana Raffs Emoll Suite und Caprice Op 92 Chopin: Etüden Op. 10 u. Polon. Op.
53. Liszt: Trovatore, Ernani, ungar. Rhapsodie No 6. Rubinstein: Präl. u. fuge –
Barcarole. Mendelssohn Präl. u. Fuge E moll. Der erste Bogen war der Zoologie
geweiht. – Von Anderem. Jedenfalls bin ich äHirschå dankbar, daß er mir Veranlassung
gibt, Dir zu schreiben. Seit wie lange nehme ich mir’s vor. Aber sieh, welches Pech
ich habe. Vor 14 Tagen neue Vaterfreuden – dann eine Maße zeitraubender sogenannter
Berufsbeschäftigungen. Endlich kommen die 8 Tage Osterferien. Da falle ich zusammen,
muß zu Bett liegen, rheumatisch-katarrhalische Zustände pflegen: und auch das kann
ich nicht mit Seelenruhe abmachen. Ich bin gewohnt Wort zu halten – ich gehe trotz
Fieber in Emil Naumanns Conzert, dasselbe durch Bach’s chromat. Fant. zu illustriren
– erkälte mich selbstverständlich wiederum und suche mich von dieser Erkältung jetzt
zu erholen, um am Donnerstag einen Collegen am Conservatorium durch Mitwirkung in
Bachs Tripelconzert zu unterstützen. Oh, ich habe eine beneidenswerte Existenz hier!
Nur glaube nicht, daß ich allein die Schuld trage, daß ich zu fügsam bin, daß ich zu
feige bin, abschlägige Antworten zu geben. Wie viel Grobheiten habe ich nicht in
diesem Winter mündlich und schriftlich an all das ausbeutungslustige Gesindel
gegeben, das in unsrer Zunft am frechsten wimmelt! Ich gebe mich nur zum
Unvermeidlichsten her. Dennoch hoffe ich mich in den nächsten Monaten so zu
arrangiren, daß ich keine sogenannte Sommererquickung brauche. Nimmst Du mir’s übel,
wenn ich Deine neuliche Voraussetzung, daß ich wiederum am Rheine Erholung suchen
werde, für mehr als Ironie, für bittren Hohn angesehen habe? Oder gehst Du so weit in
Deiner Discretion, daß Du keinen einigermassen eintauchenden Blick geworfen hättest
in das „urgemüthliche Dasein“, das ich vorm Jahre in Bieberich geführt habe? Kurz –
aus den Gründen gerade, die Du annimmst als maßgebend für ein „bis in idem“
unsrerseits, werde ich, wenn ich Berlins Staub auf einige Wochen aus dem Wege gehe,
Wiesbaden jedenfalls den Rücken kehren müßen, was mir sehr leid thut, weil ein
Wiedersehen mit Dir wohlthätig auf mich wirkt. So sklavisch ich mich unterthan fühle
allen den Werken, die mir hoch und heilig stehen, einen gewissen Freiheitshauch in
Bezug auf meine Person habe ich noch nicht unterdrücken können. Wo ich dem werde zu
seinem Rechte verhelfen können, dahin wandre ich, wenn ich wandre – also nicht in die
Nähe irgend eines Mock-Olymp. Deutlicher kann ich mich nicht ausdrücken. Es kommt mir
vor, wie Klatsch, wie spiessbürgerliches Kinnbackengewackel, wenn ich Dir eine
ausdrückliche Versicherung geben wollte, wie ungemein mich Dein Triumph erfreut hat,
wie herzlichen Antheil ich genommen an der Erfrischung, die der Wiener Aufenthalt
Deinen Nerven gewährt haben muß. Was hat man Dir’s bis hierher schwer gemacht von
Seite der Zeitgenossen! – Ich bin natürlich sehr gespannt auf das Werk selbst und auf
die vielleicht von demselben auf mich auszuübende Bekehrung zum Glauben „an das
Vaterland“. Doch stille von meinem Glauben wie von mir selber, meinen actis et
gestis. Mein „Sängers Fluch“ erscheint binnen Kurzem hier in Berlin – ich erlaube mir
Dir alsobald eine Partitur zu senden, der ich die Ph. Em. Bachsche
Sonaten-Bearbeitung beilegen werde mit Bitte um nachsichtige Aufnahme. Frau und
Kinder befinden sich wohl. – Rom dürfte vor der Hand keinen Bewohner verlieren:
Weimar hat zärtlichst dafür gesorgt. À propos ein tüchtiger Schüler von mir, ein ganz
enthusiastischer Verehrer von Dir, Herm. John aus Erfurt bietet Dir seine Dienste an,
wenn Du einmal eine Partitur zu arrangiren hast (honoris causa – natürlich) ich
glaube Du würdest mit dem Manne zufrieden sein. In den Conservatoriumsprüfungen sind
5 Stücke von Dir gespielt worden. Fabliau, Sehnsucht nach d. Heimath (aus Op. 60) –
Capriccio Op 64, Chant de l’ondin, Präl. u. Fuge aus Emoll Suite. Du hast hier Ascher
und Oesten überwunden! Mit ergebensten Empfehlungen an Deine Frau Gemahlin und der
Versicherung unwandelbarer Verehrung u. Freundschaft Dein Bülow. [copyright Simon
Kannenberg]