Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Berlin
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 7. April 1863 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 47
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund,
zuerst die verlangte umgehende Rückantwort auf Deine Anfrage vom 5ten d.:
Veröffentlichung: Bülow 1895 III, S. 519ff.; Marty 2014, S. 235ff.; Kannenberg 2020.

Antwortet auf die Anfrage des E.s bezüglich eines Paragraphen im Contract mit Prof. Stern wegen der Übernahme von Privatschülern aus dem Institut. Müsse den Wunsch von Hermann Hirschs Vater, dass sein Sohn zusätzlich Privatunterricht bei ihm haben soll, ablehnen. Dieser habe bei ihm erfolgreich Prüfungen (Chopin, Liszt) abgelegt, doch Theorie bei Weitzmann häufig geschwänzt. Trotz allen Erfolgen sei er faul, seine Ambitionen "spezifisch jüdisch", wolle Effect machen mit Bravourstücken und diese in Bädern während der Saison vorspielen. Repertoire der Klasse: Moscheles, Weber, Mendelssohn, Schumann, der E., Chopin, Liszt, Rubinstein. Berichtet von den Vaterfreuden (vor 14 Tagen), von den kommenden Osterferien und von seiner geschwächten Gesundheit. Gehe trotz Fieber in Emil Naumanns Konzert, spiele dort Bachs "Chromatische Fantasie". Unterstütze einen Kollegen vom Konservatorium bei der Aufführung von Bachs Tripelkonzert. Bedauert, dass er nicht wieder nach Wiesbaden kommen könne. Drückt seine grosse Freude über den Triumph von Raff aus ["Vaterlandssinfonie" op. 96 in Wien]. Kündigt an, dass seine Komposition "Des Sängers Fluch" bald in Berlin erscheinen werde. Werde dem E. bald die Partitur davon zustellen [befindet sich im Joachim-Raff-Archiv, Sammlung Marty], zudem seine Bearbeitung der Sonaten von Ph. Em. Bach. Frau und Kinder [Daniela und Blandine] befinden sich wohl. Rom werde keinen Liszt verlieren, Weimar habe zärtlichst dafür gesorgt. Ein tüchtiger Schüler, Herm. John biete an, eine Partitur des E.s zu arrangieren. Bei der Konservatoriumsprüfung seien Stücke des E.s gespielt worden: "Fabliau" [aus op. 75], "Sehnsucht nach der Heimat" (aus op. 60) - Capriccio op. 64, "Chant de l'Ondin" op. 84, Präludium und Fuge aus Suite e-Moll op. 72. Der E. habe Ascher und Oesten hier überwunden. Empfehlungen an Gemahlin.

Verehrter freund, zuerst die verlangte umgehende Rückantwort auf Deine Anfrage vom 5ten d.: Der § 7 in meinem Contrakt mit Prof. Stern lautet folgendermaassen: „Hr v. B. verpflichtet sich, keinen Schüler des von dem pp. Stern geleiteten Institutes in seinen Privatunterricht zu nehmen, auch wenn der Schüler das Institut verlaßen hätte – und zwar bei einer Conventionalstrafe von Einhundert Thaler für jeden Fall.“ — Aber auch wenn dieser § nicht existirte, würde ich doch die Erfüllung von Vater äHirschå’s Wunsch ablehnen müssen, in seinem, meinem und äHirschsohnså Interesse, in dem meiner Zeit, äHirschåvaters Geldbeutels und äHirschåsohn’s Zukunft. – Letzterer hat als Virtuos bedeutende Fortschritte gemacht; ich habe ihn in beiden Prüfungen spielen lassen und er hat mit Chopins Asdur Polonaise und Liszts Ernaniparaphrase beide Male „den Vogel abgeschossen“. Ich war selbst überrascht von seinem Feuer, seiner Energie und was mehr bedeuten will, seiner Besonnenheit. Mit seinem Eifer in den Stunden war ich stets zufrieden – leider hat er in der Theorie unter dem Vorwande, daß er das im letzten Semester von Weitzmann Vorgebrachte bereits früher erledigt, häufig „geschwänzt“ – ich habe ihm lebhafte Vorwürfe gemacht, als ich’s erfahren aber – „enfin“ – Präventiv\wirksame/ Maßregeln kann ich zur Überwachung seines Fleisses bei den anderen Lehrern nicht ergreifen. (Im Italiänischen ist er ebenfalls faul gewesen) Ich könnte mich des Ausführlichen extendiren über die Erspriesslichkeit des gemeinsamen Unterrichts in meiner Klasse speziell für äHermann Hirschå. Erlaube, daß ich wenigstens die wichtigste Seite herausgreife. äHirschå’s Ambition ist eine spezifisch jüdische – er will Effekt machen, sich ein Ränzlein von Bravourstücken anschnallen, die er (vielleicht im Einverständniß mit „Tate“ ) zur Sommerzeit in den Bädern verwerthen möchte. Ich habe ihn ein paar Mal auf Nachlässigkeiten ertappt bezüglich solcher Aufgaben, die ihm für jenen praktischen Zweck nicht geeignet schienen. Der Ernst mit dem einige meiner norddeutschen Conservatoriumsschüler einen andren Weg einschlagen, dürfte mit der Zeit seiner Ambition eine noblere Tendenz verleihen. Vor der Hand steht er leider ziemlich isolirt unter seinen Mitschülern, die von seinem rohen ungebildeten Wesen abgestossen, vielleicht auch mit einem gewissen Neide erfüllt ob seiner hervorragenden Anlagen – ihm keine Avancen gemacht haben. Hiergegen werde ich jetzt einschreiten: früher war’s nicht möglich. Ich hoffe auf eine gute Wirkung meiner neulichen Predigt. äHirschå thut eine Kameradschaft mit gebildeten Altersgenossen noth. – Ich brauche nicht zu erwähnen, daß er durch den Besuch meiner Ensembleklasse verschiedene Anregungen erhalten kann, die ihm mein Privatunterricht nicht zu gewähren vermag. Erstlich hat er immer ein Publikum, dessen Urtheil er scheut, weil ich es mache. Dann lernt er die Klavierlitteratur nolens volens kennen durch die Vorträge der Anderen – sein „häuslicher Fleiss“ dürfte ihm diese Kenntniss nicht erwerben, so weit ich glaube schliessen zu können. äKurz – meiner Ansicht nach ist’s in jeder Beziehung besser daß er den Unterricht im Conservatorium bei mir geniesst als einen Privatunterricht – den er, wie ich im Eingange explizirt habe, nun und nimmer bei mir nehmen kann. Hirschå’s Beschäftigung im verflossenen Semester in meiner Klasse war folgende: Gmoll Conzert v. Moscheles, Conzertstück von Weber, (repetirt:) Mendelssohns Capriccio Op. 5. Schumanns Kreisleriana Raffs Emoll Suite und Caprice Op 92 Chopin: Etüden Op. 10 u. Polon. Op. 53. Liszt: Trovatore, Ernani, ungar. Rhapsodie No 6. Rubinstein: Präl. u. fuge – Barcarole. Mendelssohn Präl. u. Fuge E moll. Der erste Bogen war der Zoologie geweiht. – Von Anderem. Jedenfalls bin ich äHirschå dankbar, daß er mir Veranlassung gibt, Dir zu schreiben. Seit wie lange nehme ich mir’s vor. Aber sieh, welches Pech ich habe. Vor 14 Tagen neue Vaterfreuden – dann eine Maße zeitraubender sogenannter Berufsbeschäftigungen. Endlich kommen die 8 Tage Osterferien. Da falle ich zusammen, muß zu Bett liegen, rheumatisch-katarrhalische Zustände pflegen: und auch das kann ich nicht mit Seelenruhe abmachen. Ich bin gewohnt Wort zu halten – ich gehe trotz Fieber in Emil Naumanns Conzert, dasselbe durch Bach’s chromat. Fant. zu illustriren – erkälte mich selbstverständlich wiederum und suche mich von dieser Erkältung jetzt zu erholen, um am Donnerstag einen Collegen am Conservatorium durch Mitwirkung in Bachs Tripelconzert zu unterstützen. Oh, ich habe eine beneidenswerte Existenz hier! Nur glaube nicht, daß ich allein die Schuld trage, daß ich zu fügsam bin, daß ich zu feige bin, abschlägige Antworten zu geben. Wie viel Grobheiten habe ich nicht in diesem Winter mündlich und schriftlich an all das ausbeutungslustige Gesindel gegeben, das in unsrer Zunft am frechsten wimmelt! Ich gebe mich nur zum Unvermeidlichsten her. Dennoch hoffe ich mich in den nächsten Monaten so zu arrangiren, daß ich keine sogenannte Sommererquickung brauche. Nimmst Du mir’s übel, wenn ich Deine neuliche Voraussetzung, daß ich wiederum am Rheine Erholung suchen werde, für mehr als Ironie, für bittren Hohn angesehen habe? Oder gehst Du so weit in Deiner Discretion, daß Du keinen einigermassen eintauchenden Blick geworfen hättest in das „urgemüthliche Dasein“, das ich vorm Jahre in Bieberich geführt habe? Kurz – aus den Gründen gerade, die Du annimmst als maßgebend für ein „bis in idem“ unsrerseits, werde ich, wenn ich Berlins Staub auf einige Wochen aus dem Wege gehe, Wiesbaden jedenfalls den Rücken kehren müßen, was mir sehr leid thut, weil ein Wiedersehen mit Dir wohlthätig auf mich wirkt. So sklavisch ich mich unterthan fühle allen den Werken, die mir hoch und heilig stehen, einen gewissen Freiheitshauch in Bezug auf meine Person habe ich noch nicht unterdrücken können. Wo ich dem werde zu seinem Rechte verhelfen können, dahin wandre ich, wenn ich wandre – also nicht in die Nähe irgend eines Mock-Olymp. Deutlicher kann ich mich nicht ausdrücken. Es kommt mir vor, wie Klatsch, wie spiessbürgerliches Kinnbackengewackel, wenn ich Dir eine ausdrückliche Versicherung geben wollte, wie ungemein mich Dein Triumph erfreut hat, wie herzlichen Antheil ich genommen an der Erfrischung, die der Wiener Aufenthalt Deinen Nerven gewährt haben muß. Was hat man Dir’s bis hierher schwer gemacht von Seite der Zeitgenossen! – Ich bin natürlich sehr gespannt auf das Werk selbst und auf die vielleicht von demselben auf mich auszuübende Bekehrung zum Glauben „an das Vaterland“. Doch stille von meinem Glauben wie von mir selber, meinen actis et gestis. Mein „Sängers Fluch“ erscheint binnen Kurzem hier in Berlin – ich erlaube mir Dir alsobald eine Partitur zu senden, der ich die Ph. Em. Bachsche Sonaten-Bearbeitung beilegen werde mit Bitte um nachsichtige Aufnahme. Frau und Kinder befinden sich wohl. – Rom dürfte vor der Hand keinen Bewohner verlieren: Weimar hat zärtlichst dafür gesorgt. À propos ein tüchtiger Schüler von mir, ein ganz enthusiastischer Verehrer von Dir, Herm. John aus Erfurt bietet Dir seine Dienste an, wenn Du einmal eine Partitur zu arrangiren hast (honoris causa – natürlich) ich glaube Du würdest mit dem Manne zufrieden sein. In den Conservatoriumsprüfungen sind 5 Stücke von Dir gespielt worden. Fabliau, Sehnsucht nach d. Heimath (aus Op. 60) – Capriccio Op 64, Chant de l’ondin, Präl. u. Fuge aus Emoll Suite. Du hast hier Ascher und Oesten überwunden! Mit ergebensten Empfehlungen an Deine Frau Gemahlin und der Versicherung unwandelbarer Verehrung u. Freundschaft Dein Bülow. [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (7. 4. 1863); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 20. 5 2026.