Verehrter freund, ich habe Dich viel gespielt, viel an Dich gedacht – schreiben
konnte ich Dir nicht. Es gab nichts von Interesse für Dich zu melden; und ich bin
wenig zu mir selber gekommen, wie man sagt. Heute möchte ich nun aber anfragen, ob Du
Deine projectirte Reise nach Leipzig und wann antrittst; wenn’s geht, richte ich
meine dritte Soirée daselbst nach Deinem Entschlusse ein und spiele Dir einmal
öffentlich etwas von Dir vor, die Emoll Suite, mit der ich am 16 Jan. in Jena Furore
(ja!) gemacht habe. Kühn druckt \edirt/ Präl. u. Fuge zusammen im Separatabdruck, wie
Du mich autorisirt hattest, ihm zu erlauben. Von dem vollständigen Gelingen meines
Vortrages der Dmoll Suite in Leipzig hast Du wohl gehört. Deutsche Allgemeine und
Illustrirte Zeitung (vom 24 Jan.) loben das Werk ziemlich entschieden. Es geht wie
warme Semmel im Publikum. Das nächste Mal mußt Du Friedländer ganz gehörig um
Entschädigung pressen! In Breslau hatte ich am 28 Dez. den Marsch daraus gespielt.
Dies zur Vervollständigung. — Das Wichtigste für mich aus der letzten Zeit war unsere
vortrefflich „in jeder Beziehung u. Hinsicht“ abgelaufene Uhlandfeier, bei der ich
mich mit Feder, Taktstock und Fingersetzung betheiligt habe. Ein Orchesterstück, das
ich am 1 Jan. dafür zu componiren begonnen und am 19. fertig gemacht, hat Musikern
und Publikum ziemlich gefallen und auch mir misfällt es noch nicht. Es wird jetzt in
Partitur gestochen (Simmel-Sortiment v. Peters – Berlin) und dem Grossherzog v. Baden
gewidmet. Ich habe damit ein beträchtliches Quantum Deines schönen Notenpapiers
verschrieben. „Ballade für gr. Orch. nach Uhlands „Des Sängers Fluch“ (oder „das
verhängnissvolle Hofconzert“)[“] – 12–15 Minuten Dauer. Es ist eine Art
Programmmusik, von der ich zu hoffen wage, daß Du sie nicht absolut verwerfen wirst.
Mich hat’s gefreut, in dem grässlichen Wirrwarr, dem ich im Winter hier verfallen bin
als Lehrer u. Virtuose, die nöthige Sammlung gefunden zu haben, das Ding quasi aus
einem Gusse niederzuschreiben. Am 24sten führe ich es in Weimar auf in dem Conzert,
welches ich zum Besten der Schillerstiftung im Theater geben soll. Jetzt suche ich
ein Conzert Wagners im Berliner Opernhause – vor seiner Reise nach Petersburg
womöglich – herauszudiplomatisiren. Die Nachrichten aus Wien, von nun an aus Prag,
lauten nicht zu unbefriedigend. Tristan kommt im März zu Stande und zwar mit Ander,
ohne Schnorr. „Tant mieux.“ Hier Gounodschwindel in Maienblüthe. Doch viel
Oppositionskeime, die Berlin Ehre machen. Ende des Monats ist der Comp. eingeladen,
seine Faustina mit der Artôt in der „Titel“rolle (hier heissts: Margarethe) zu
dirigiren. Er kam schon neulich hier durch, wurde gleichzeitig mit dem Maestro
Offenbaccio den Majestäten präsentirt. Hui! Im Hofconzert am 30. hörte ich
Meyerbach’s Exhibitionmarschouvertüre. Scheusslich. Aber ein Chor aus der Königin v.
Saba war „noch viel ābschĕulĭchēr.“ Unisono \mit „Weihe“/ nach der berliner
Possenmelodie: ob Christian oder Itzig, ’s Gschäft bringt’s mal so mit sich.“ Dazu
ein Duett für zwei Soprane aus Rienzi, das Meyerbach eigenhändig ausgewählt!
Offenbeer glänzte durch Abwesenheit. Aber sonst war die Sache vollständig: Meyerbeer
– Verdi – Wagner – Gounod. – Dazu die Iphigenienouvertüre v. Gluck als Einleitung.
Was meinst Du? „Wenn das nicht gut“ – u. s. w. Zu etwas Anderem. Aber zu was? Ich
will eigentlich nur was von Dir hören. Desswegen schreibe ich. äHirschå ist fleissig
– ich bin mit ihm zufrieden. Es kann was aus ihm werden – Du hattest den Grund dazu
gelegt. Er hält sich auch leidlich sauber im Äusseren. Eine sehr schöne Mitschülerin
sticht ihm (sehr von ferne – er ist bescheiden) in die Augen – um seine Ambition zu
stacheln, lasse ich ihn immer erst dann spielen, wenn die junge Dame eingetreten ist.
äMeine Frau ist etwas leidend. Sie erwartet Mitte nächsten Monats ihre Niederkunft.
Ich bin nicht gerade in Sorge aber doch werde ich mich freuen, wann’s vorüber.
Einstweilen habe ich genug zu thun, um keine Zeit zu müssigen Grillen zu haben. Wie
geht’s Deiner verehrten Frau und Schwägerin? Lass bald Gutes von Euch Allen hören!
Mit besten Wünschen Dein Berlin, 6 febr. 63. treuergebener HvBülow. Meine Mutter
grüsst und lässt Dich fragen ob Du nichts von einem Frl. Dräseke (Tante des Comp.) in
Wiesbaden gehört hast – sie war früher viel mit ihr zusammen, eigentlich sogar intim
befreundet. Doch mühe Dich nicht ab mit Erkundigungen.å ◊1Du weißt ja Alles. Kannst
Du mir nicht in Noten sagen, wie das „Tireli, tireli“ der Lerche das „Piep, piep,
piep“ des Spatzen Das „Zink, zink, zink“ des Finken ungefähr wiedergegeben werden
könnten? Ich soll ein Vogelterzett von Rodenberg componiren. [copyright Simon
Kannenberg]