Verehrter Freund, ich danke Dir umgehend für Deine gütige Sendung und zugleich im
Namen meiner armen Frau, die vorigen Sonnabend mit dem Kinde nach Paris gereist ist
um ihre Großmutter über den unerwarteten und trostlosen Trauerfall zu trösten, den
wir erlitten haben. Meine theure Schwägerin ist am 11. d. auf ihrem Landgute bei St.
Tropez, an einer Art Entkräftungsfieber gestorben. äIhre Entbindung Ende Juni war
eben so leicht als glücklich von Statten gegangen. Gerade desshalb wohl ist nicht die
nöthige Vorsicht in ihrer Pflege beobachtet worden. Vor Ablauf der sechswöchentlichen
Ruhe, die allgemein geboten wird, hat sie sich auf die Reise gemacht – die Entbindung
geschah auf dem Gute eines Verwandten von Ollivier. å Vermuthlich hat es wohl auch an
verständiger ärztlicher Hülfe gefehlt – genug der Verlust, den die Familie meines
Schwiegervaters erlitten, ist entsetzlich für Alle. Am peinlichsten vielleicht für
die alte vortreffliche Madame Liszt, die in ihren letzten Tagen ihre Enkel eins nach
dem Andren hinsterben sehen muss, deren Kindheit sie die eigentliche mütterliche
Pflege gewidmet hat. Desshalb habe ich auch nicht gezaudert, das mir sehr
empfindliche Opfer zu bringen, Frau und Kind auf mehrere Wochen nach Paris zu
schicken. Entschuldige also das Ausbleiben des sehr aufrichtigen Dankes meiner Frau,
die Deinem schönen Werke das liebevollste und eingehendste Verständniss widmen kann
und wird. Seit Längerem beschäftigt mich schon das Studium Deines Op. 91. Das ich mir
sofort nach Erscheinen habe kommen lassen und in meinen Wintersoiréen bestmöglich zu
Gehör bringen will. Wenn Du erlaubst, sende ich das Exemplar, welches Du mir
bestimmt, mit nächster Gelegenheit nach Rom an meinen Schwiegervater, von dem wir
seit der Trauerkunde noch keine Nachricht erhalten haben. Es ist ein herber Schlag
für ihn. Meine Correctur hat doch manchen Haken gehabt, aber vielleicht auch Deine
Reinschrift. Da ist z. b. in Var. IX Seite 19 Takt 3 u. 4 von unten ein falscher Bass
– nämlich immer um eine Terz zu tief. Vermuthlich soll er ganz ebenso heissen wie
Takt 7 u. 8. von unten. — äDie Absicht des Herrn Hirsch Deinen talentvollen Schüler
ins Sternsche Conservatorium zu schicken, gefällt mir sehr gut. Der theoret.
Unterricht bei Weitzmann ist vortrefflich. Dirigirübungen, Ensemblespiel finden
ebenfalls statt. Bei dem Honorar von 72 jährlich kommt er in meine Klasse, und da
soll es von meiner Seite nicht fehlen. Ich werde froh sein, einen so begabten
Menschen zu haben, der mir den Ärger über das viele talentlose Gesindel, das meiner
Führung und resp. Mohrenwäsche anvertraut wird, versüssen kann. Stern hat in seinem
Hause auch eine Pension, wo der junge Hirsch gut unterkommen kann, wo er fernen
koscheren Fisch findet, falls er rechtgläubig wäre. Es dürfte am besten sein, Herr
Hirsch wendete sich direkt an Prof. Stern (Friedrichstrasse \214./ [2..]). Im Fall
Stern keinen Platz mehr in der Wohnung hätte, könnte er ihm bei seiner genauen
Personen- und Lokal kenntniss eine passende Pension nachweisen oder ihm doch eine
genauere Auskunft über die Kosten des Aufenthaltes in Berlin ertheilen, als ich es
vermöchte.å — Von Wagner habe ich keine direkten Nachrichten – nur indirekte durch
Weissheimer aus Leipzig, der Deine Version bestätigt und von dem Plane einer
Nationalsubscription erzählt, den W.’s süddeutsche Freunde (auch Du, Barth, Wilhelmy
werden genannt) ins Werk zu setzen beschlossen hätten. Es ist nicht abzurathen davon
– für die Würde des Meisters wärs freilich besser, das Risiko einer Lamartinerei
unterblieb. Aber es ist unmöglich, dass er sich selber aus der Verlegenheit helfe.
„Dio“ thut’s auch nicht. Man muss es also „faute de mieux“ mit dem „Popolo“
versuchen. Vertrauen habe ich zu diesem modernen Vicegott nicht – aber bei
ausgesprochenster Öffentlichkeit von W’s Lage sind doch Chancen gegeben, sie durch
wirksame Unterstützung zu verbessern. An die Einzelnen, Fürsten, „Aristo“kraten,
Bankiers haben seine Anhänger sich bis dato ohne irgend welchen Erfolg adressirt. Was
bleibt also weiter übrig? Liszt würde – wie früher, wo ich’s mit ihm besprach,
entschieden dagegen sein. In gewisser Weise hat er nur zu sehr recht – aber, was
soll, was könnte denn sonst geschehen? — Barth möge Dir einen Dankbrief schreiben,
nicht mir! Noch besser, er notirt sich Damrosch statt meiner für’s nächste Jahr. Ein
grausames Fatum scheint es allemal zu verhindern, dass ich unter Hagens Taktstock
spiele. Bruch’s Klavierstücke habe ich mir auf Deine Empfehlung neulich angesehen –
habe aber gefunden, dass Du sehr nachsichtig über ihn geurtheilt hast. Das
Unbedeutendste, was Du irgend geschrieben, gefällt mir weit besser. Lass den Samson
nicht liegen! Dass der einschlägt, ist für mich ebenso sicher wie das Fiasco von
Rubinsteins „Lalla Rookh“. Schnorr schrieb über Letzteres an Wagner – nicht eben
tadelnd aber einen Nichterfolg in Aussicht stellend. Das Textbuch scheint jämmerlich
uninteressant zu sein: Johann von Paris in indischem Kostüm und ohne Humor! Aber
neulich habe ich was reizendes gesehen – ein Opernpaar so missgestaltet, so gemein,
als ob wir in der Zeit noch lebten, wo Lindpainter’s Jocko das Lampenlicht erblickt.
„La Réole“ v. Schmidt und die „Rose von X“ v. Benedict. Bock hat beider
Klavierauszüge bereits edirt. Dorn hat einen „fürsten von Hildeburghausen“ componirt.
Was wird Meyer dazu sagen? Die Leipziger haben doch theilweis Recht! äÜber Deinen
Paletot hast Du mich noch nicht beruhigt! Mit den ergebensten Empfehlungen an Deine
Frau Gemahlin in freundschaftlicher Verehrung Dein ergebener Berlin, 23 Sept. 62.
HvBülow.å Wär’s möglich, daß Du einmal Schott’s an die Herausgabe des Adur Conzertes
von Liszt erinnern könntest? Ich will es diesen Winter an verschiedenen Orten spielen
und warte eigentlich im Interesse des Verlegers damit. — Wenn ich einmal etwas n icht
zu Miserables geschrieben, muss mir Deine Frau nachsichtsvoll eine Gegenwidmung
erlauben! Deine Fuge ist übrigens gehörig schwer und macht mich weidlich schwitzen.
[copyright Simon Kannenberg]