Verehrter freund, Dein letzter Brief, so liebenswürdig er ist – nichts Neues für mich
– Du hast mich immer verwöhnt – gibt mir dennoch eine gewiße gedrückte Stimmung, in
dergleichen man ängstlich geschraubt zu antworten pflegt. Um dem so gut wie möglich
zu entgehen, beschränke ich mich darauf, Dir die Versicherung zu geben, daß es mir
niemals, seitdem ich mit eigenem Kopfe denke, in den Sinn gekommen ist, die von Dir
der Musikwelt gegenüber eingenommene Stellung irgend einer Kritik zu unterziehen;
Deine Isolirung, wie sie für Dich und die Kunst praktisch ergiebige Resultate
produzirt hat, muß von Jedem, der sich nicht einer durch Parteidusel verbohrten
Anschauung erfreut, mit ganz besonderer Hochachtung betrachtet werden. Alle Punkte
meines vorigen Schreibens, die Dir mit diesem meinem wesentlichsten Dafürhalten nicht
in Übereinstimmung erscheinen könnten, bitte ich dringend als mißverstanden erachten
zu wollen, wobei ich mit Vergnügen die Schuld des Mißverstehens durch Unklarheit in
meiner Ausdrucksweise auf mich beziehe. Weiß der Teufel, was mich veranlaßen konnte,
den Schein auf mich zu laden, als habe ich \für/ Brendel eine Lanze brechen wollen!
Ich sollte mir wohl eigentlich die Zeit nehmen, Klärungsversuche meinen neulichen
Äusserungen nachzusenden – allein Du hast Besseres zu thun, als diese zu lesen und so
Gott will, sehe ich Dich recht bald und hole dann mündlich nach, was etwa nöthig
wäre, um dem falschen Scheine zu entgehen, den ich namentlich meiner
überzeugungsvollen Bewunderung Deines Kunstschaffens angehängt haben könnte. Es ist
unsere Absicht, (meine und meiner Frau ) die Monate Juli und August am Rheine in
Deiner und Wagner’s Nähe zu verleben. Wir dachten zuerst an Bieberich. Doch da findet
sich vielleicht schwer ein passendes, nicht zu kostspieliges Quartier. Dann wäre uns
Schierstein oder Walluf oder Eltville ebenso angenehm, da ja die Dampfdroschke und
deren ununterbrochene Rührigkeit die Entfernung von Wiesbaden und Bieberich
gleichmäßig aufhebt. äDu bist so gütig, mir Deine Hülfe in Ausfindigmachung eines
erträglichen Obdaches anzubieten. Ich kann nicht anders als diese – mit bestem Danke
im Voraus – anzunehmen, wenn Du ohne Zeitverlust durch allzu lästige Informationen
unsere Ansiedelung vorbereiten kannst. Verwöhnt in Ansprüchen bei Sommerlogis ist
meine Frau keineswegs.å Mir ist vor Allem Ruhe nöthig, denn ich bin entsetzlich
abgespannt und – was meinen Körper anlangt – ein nicht blos entschieden berufener
sondern ebenso entschieden ausgewählter Carlsbad-Candidat. Woran ich vor mehreren
Jahren litt, Leberanschwellung, hat sich neuerdings wieder mit gesteigerter Macht
eingestellt. Hoffentlich bewährt aber auch diesmal die Homöopathie mein altes
Zutrauen zu ihr. äMehr als zwei Zimmer, so geräumig als möglich, das versteht sich,
brauchen wir nicht. Das Kind ist besser aufgehoben in Berlin und meine Frau, auf die
Gefahr hin, für eine Rabenmutter zu gelten, mag sich auf die acht Wochen nicht mit
einer Bürde zu belasten, die das Reisepersonal dann noch um eine vierte Person
vermehren würde.å Die ersten Wochen will ich keine Musik machen. Später kann ich wohl
mit leichter Mühe aus Mainz ein Instrument miethweise beziehen? äSolltest Du vor
unsrer Abreise, die in den ersten Tagen des Juli statthaben wird, ein Lokal
aufgetrieben haben, so wäre ich Dir sehr verpflichtet, mich mit einer Zeile davon zu
benachrichtigen. Übrigens steigen wir jedenfalls erst in Wiesbaden im Taunushotel ab,
damit wir◊1 Dir und Deiner Frau Gemahlin zuerst einen ganz officiellen Besuch
machen.å Abgesehen, daß sich meine Frau seit lange auf eine persönliche Annäherung
freut, verspreche ich mir und ihr viel Annehmlichkeit von unserer bevorstehenden
Rheinfahrt. Du hast keinen Begriff wie ausdörrend Berlin und die Berliner wirken!
Meine Sehnsucht nach einem „respiro“ ist unermeßlich. In der letzten Zeit habe ich
etwas arbeiten können, aber leider nicht viel fertig gebracht. Ein Heft vierstimmiger
(gem.) Lieder wird dieser Tage erscheinen (Kahnt) dann eine Bearbeitung von sechs
Sonaten Ph. E. Bach’s, an denen ich noch herumfeile: Übersetzung aus dem
Clavichordischen ins Pianofortische. äDieser Tage werde ich mich noch mehremals ans
Klavier setzen, um Deiner Frau Gemahlin einige Deiner Compositionen anständig
vorspielen /zu\ können. Bereite sie also vor, damit sie ihre Nachsicht zusammenfasst.
Einstweilen unsre ergebensten Grüsse. Nur schliesslich noch Eins. Du gehst so
gründlich gewissenhaft zu Werke, wenn es gilt, einem Freunde einen Dienst zu
erweisen, daß ich Angst habe, Du möchtest Deine für mich so ausnahmsweise werthvolle
Musse zu zeitraubenden Recherchen verbrauchen. Nimm es nicht zu gewissenhaft, ich
bitte: im Grunde kömmt ja gar nichts darauf an, ob wir gleich irgendwo installirt
werden, und vielleicht ist’s mir gerade unterhaltend, selbst herumzusuchen und zu
urwählen. Also wenn Du mir nach Hörensagen oder zufällig früher gewonnener
Lokalkenntniß mir rathen kannst, wo ich am besten thäte, nachzuforschen – so ist das
vollständig genügend. Dein treu ergebener Berlin, 14 Juni 1862 HansvBülow.å
[copyright Simon Kannenberg]