Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Berlin
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 14. Juni 1862 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 38
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund,
Dein letzter Brief, so liebenswürdig er ist – nichts Neues für mich
Veröffentlichung: Bülow 1895 III, S. 474ff.; Marty 2014, S. 224f.; Kannenberg 2020.

Wollte nie die Stellung des E.s in der Musikwelt einer Kritik unterziehen. Schätzt die Isolierung des E.s, damit dieser gute Kunst produzieren könne und nicht im Parteienstreit aufgehe. Wollte auch keine Lanze für Brendel brechen. Möchte mit seiner Frau in den Monaten Juli und August an den Rhein ("in Deiner und Wagner's Nähe", z. B. Biebrich, Schierstein, Walluf oder Eltville) verbringen. Sei gesundheitlich nach wie vor angeschlagen und benötige Ruhe. Das Kind sei in Berlin besser aufgehoben. Seine Frau freue sich auf eine "persönliche Annäherung". Berichtet von eigener kompositorischer Tätigkeit (vierstimmige Lieder bei Kahnt, Bearbeitungen von sechs Sonaten von C. P. E. Bach).

Verehrter freund, Dein letzter Brief, so liebenswürdig er ist – nichts Neues für mich – Du hast mich immer verwöhnt – gibt mir dennoch eine gewiße gedrückte Stimmung, in dergleichen man ängstlich geschraubt zu antworten pflegt. Um dem so gut wie möglich zu entgehen, beschränke ich mich darauf, Dir die Versicherung zu geben, daß es mir niemals, seitdem ich mit eigenem Kopfe denke, in den Sinn gekommen ist, die von Dir der Musikwelt gegenüber eingenommene Stellung irgend einer Kritik zu unterziehen; Deine Isolirung, wie sie für Dich und die Kunst praktisch ergiebige Resultate produzirt hat, muß von Jedem, der sich nicht einer durch Parteidusel verbohrten Anschauung erfreut, mit ganz besonderer Hochachtung betrachtet werden. Alle Punkte meines vorigen Schreibens, die Dir mit diesem meinem wesentlichsten Dafürhalten nicht in Übereinstimmung erscheinen könnten, bitte ich dringend als mißverstanden erachten zu wollen, wobei ich mit Vergnügen die Schuld des Mißverstehens durch Unklarheit in meiner Ausdrucksweise auf mich beziehe. Weiß der Teufel, was mich veranlaßen konnte, den Schein auf mich zu laden, als habe ich \für/ Brendel eine Lanze brechen wollen! Ich sollte mir wohl eigentlich die Zeit nehmen, Klärungsversuche meinen neulichen Äusserungen nachzusenden – allein Du hast Besseres zu thun, als diese zu lesen und so Gott will, sehe ich Dich recht bald und hole dann mündlich nach, was etwa nöthig wäre, um dem falschen Scheine zu entgehen, den ich namentlich meiner überzeugungsvollen Bewunderung Deines Kunstschaffens angehängt haben könnte. Es ist unsere Absicht, (meine und meiner Frau ) die Monate Juli und August am Rheine in Deiner und Wagner’s Nähe zu verleben. Wir dachten zuerst an Bieberich. Doch da findet sich vielleicht schwer ein passendes, nicht zu kostspieliges Quartier. Dann wäre uns Schierstein oder Walluf oder Eltville ebenso angenehm, da ja die Dampfdroschke und deren ununterbrochene Rührigkeit die Entfernung von Wiesbaden und Bieberich gleichmäßig aufhebt. äDu bist so gütig, mir Deine Hülfe in Ausfindigmachung eines erträglichen Obdaches anzubieten. Ich kann nicht anders als diese – mit bestem Danke im Voraus – anzunehmen, wenn Du ohne Zeitverlust durch allzu lästige Informationen unsere Ansiedelung vorbereiten kannst. Verwöhnt in Ansprüchen bei Sommerlogis ist meine Frau keineswegs.å Mir ist vor Allem Ruhe nöthig, denn ich bin entsetzlich abgespannt und – was meinen Körper anlangt – ein nicht blos entschieden berufener sondern ebenso entschieden ausgewählter Carlsbad-Candidat. Woran ich vor mehreren Jahren litt, Leberanschwellung, hat sich neuerdings wieder mit gesteigerter Macht eingestellt. Hoffentlich bewährt aber auch diesmal die Homöopathie mein altes Zutrauen zu ihr. äMehr als zwei Zimmer, so geräumig als möglich, das versteht sich, brauchen wir nicht. Das Kind ist besser aufgehoben in Berlin und meine Frau, auf die Gefahr hin, für eine Rabenmutter zu gelten, mag sich auf die acht Wochen nicht mit einer Bürde zu belasten, die das Reisepersonal dann noch um eine vierte Person vermehren würde.å Die ersten Wochen will ich keine Musik machen. Später kann ich wohl mit leichter Mühe aus Mainz ein Instrument miethweise beziehen? äSolltest Du vor unsrer Abreise, die in den ersten Tagen des Juli statthaben wird, ein Lokal aufgetrieben haben, so wäre ich Dir sehr verpflichtet, mich mit einer Zeile davon zu benachrichtigen. Übrigens steigen wir jedenfalls erst in Wiesbaden im Taunushotel ab, damit wir◊1 Dir und Deiner Frau Gemahlin zuerst einen ganz officiellen Besuch machen.å Abgesehen, daß sich meine Frau seit lange auf eine persönliche Annäherung freut, verspreche ich mir und ihr viel Annehmlichkeit von unserer bevorstehenden Rheinfahrt. Du hast keinen Begriff wie ausdörrend Berlin und die Berliner wirken! Meine Sehnsucht nach einem „respiro“ ist unermeßlich. In der letzten Zeit habe ich etwas arbeiten können, aber leider nicht viel fertig gebracht. Ein Heft vierstimmiger (gem.) Lieder wird dieser Tage erscheinen (Kahnt) dann eine Bearbeitung von sechs Sonaten Ph. E. Bach’s, an denen ich noch herumfeile: Übersetzung aus dem Clavichordischen ins Pianofortische. äDieser Tage werde ich mich noch mehremals ans Klavier setzen, um Deiner Frau Gemahlin einige Deiner Compositionen anständig vorspielen /zu\ können. Bereite sie also vor, damit sie ihre Nachsicht zusammenfasst. Einstweilen unsre ergebensten Grüsse. Nur schliesslich noch Eins. Du gehst so gründlich gewissenhaft zu Werke, wenn es gilt, einem Freunde einen Dienst zu erweisen, daß ich Angst habe, Du möchtest Deine für mich so ausnahmsweise werthvolle Musse zu zeitraubenden Recherchen verbrauchen. Nimm es nicht zu gewissenhaft, ich bitte: im Grunde kömmt ja gar nichts darauf an, ob wir gleich irgendwo installirt werden, und vielleicht ist’s mir gerade unterhaltend, selbst herumzusuchen und zu urwählen. Also wenn Du mir nach Hörensagen oder zufällig früher gewonnener Lokalkenntniß mir rathen kannst, wo ich am besten thäte, nachzuforschen – so ist das vollständig genügend. Dein treu ergebener Berlin, 14 Juni 1862 HansvBülow.å [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (14. 6. 1862); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 11. 4 2026.