Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Bad Reichenhall
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 19. Juli 1861 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 23
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Incipit: Verehrter freund,
gestern Abend von einer zweitägigen Excursion nach dem Königssee zurückgekehrt,
Veröffentlichung: Bülow 1895 III, S. 406ff.; Marty 2014, S. 220; Kannenberg 2020.

Kündigt Besuch am 8. August in Wiesbaden an. Werde am 9. August spielen und dann sechs Tage beim E. verbringen. Die angekündigte längere Erholung zerschlage sich aufgrund eines "höheren Vetos". Müsse nach Weimar und seine Frau ihrem Schicksal überlassen. Sein Schwiegervater wünsche, dass er in Weimar am Tonkünstlerfest dirigiere (u.a. Faustsymphonie). Kündigt dem E. das Ende der Tätigkeit von Liszt im Weimar des "kunstsinnigen Grossherzogs" an. Eine Altenburg gebe es ab dem 15. August nicht mehr. Liszt gehe vorerst nach Rom. Berichtet über Bad Reichenhall, in dem es von Berliner Juden und Musikern (Grossherzogs, Esser, Ehlert, Vierling, V. und Ign. Lachner, Papperitz, Radecke etc.) wimmle. Verkehre nur mit Ehlert. Sei keinen musikalischen Attentaten ausgesetzt, nur einmal beim Konzert eines Dresdner Pianisten. Fragt, ob er in Wiesbaden eine Sonate von Beethoven riskieren könne. Bedankt sich für ein Geschenk (Notizbuch für musikalische Gedanken). Bedauert, nicht länger beim inspirierenden Raff in Wiesbaden verbringen zu können. Wünscht, dass der E. in der ersten Woche August bei Schwiegervater in Weimar auf Besuch geht. Auch Liszt würde sich über die Anwesenheit des E.s ausserordentlich freuen. Nach dem Vorausgeschickten [?] wäre dies keine bedeutungslose Freundlichkeit des E.s.

Verehrter freund, gestern Abend von einer zweitägigen Excursion nach dem Königssee zurückgekehrt, finde ich Deine Zeilen vor, die ich, nicht ohne vorhergängiges Schwanken aber mit entschiedenem Vergnügen – nachdem ich die Bedenken zum Schweigen gebracht – dahin erwidere, daß ich am 8 August in Wiesbaden eintreffen werde, am 9 spielen und ein sechs Tage mich an Deiner Gesellschaft, so weit Du sie mir widmen magst, erfreuen will. Seit meinem letzten Briefe aus Berlin hat sich leider Manches in meinen Plänen geändert: die beabsichtigte längere Erholung ist durch ein höheres Veto in ziemlich enge Gränzen eingeschränkt worden. Ende nächster Woche muß ich nach Weimar reisen und meine Frau hier ihrem Schicksal überlassen. Mein Schwiegervater wünscht durchaus, daß ich an der Tonkünstlerversammlung einen activen Theil nehme – als Dirigent. Die Aufführung der Faustsinfonie und die Hälfte des dritten Tages (Conzert mit Manuscriptenprogramm) ist mir zugedacht. Dir kann ich jetzt das bald öffentliche Geheimniss mittheilen, daß der Zeitpunkt dieser vermuthlich letzten Tonkünstlerversammlung zugleich der des ewigen Abschiedes Liszt’s von Weimar und „seinem kunstsinnigen Grossherzoge“ sein wird. Eine Altenburg wird’s vom 15 Aug. an nicht mehr geben: sämmtlichem Dienstpersonale ist aufgekündigt, die Koffer werden gepackt, Liszt geht zunächst dann nach Rom. Unter diesen Umständen muß mir der für mich ehrende Befehl höher gelten als die Rücksicht auf meine Gesundheit. Am 4. August beginnt das Musikfest – die Proben mit dem Orchester und die Vorproben mit mir selbst – was ich dirigire, muß ich sicher auswendig kennen – nöthigen mich den 26. Juli diesen reizenden Ort zu verlassen. Am 7ten ist die Geschichte zu Ende – es scheint mir sehr möglich, mit dem Nachtzug nach Wiesbaden zu reisen. Kennst Du Reichenhall? Die Bekanntschaft ist der Mühe werth. Leider finden das gar zu viele Leute. Das Bad ist überfüllt. äNamentlich wimmelt es von Berliner Juden und Musikern (Eckert, Esser, Ehlert, Vierling, V. \und Ign./ Lachner, Papperitz, Radecke etc.)å Ich verkehre nur mit Ehlert, der uns auf unseren Ausflügen – und Dank der Rüstigkeit meiner Frau marschiren wir 6–8 Stunden den Tag über – zu begleiten pflegt. Noten werden nicht gewechselt. Ausser einem zweistimmigen Abendlied – das hübscheste Trompetensignal, das ich gehört habe – ist man, mit Ausnahme des Curhauses, wohin wir uns natürlich nicht verirren, keinem musikal. Attentate ausgesetzt. Nur neulich habe ich meinen Frack in ein Bettelconzert gesendet, um die Blösse eines Dresdner Pianisten zu bedecken. Der geringe Erfolg macht mich glauben, daß es mit dem Frack allein auch in Wiesbaden nicht genügen könne. Ich werde wiederum sehr unexerziert dahin kommen und Du würdest mir einen wesentlichen Gefallen thun, mir zu rathen, womit ich am besten die Conzertadministration „honoriren“ könnte, ausser mit meinem Berliner „Ruf“. Ist eine Sonate von Beethoven (etwa „les Adieux“ ) ohne Hinausschmiss zu riskiren? äGelegentlich, wenn es Dir nicht zu lästig, eine Notiz was meine Vorgänger geliefert, ich bitte.å Dein Geschenk, das ich im Augenblick meiner Abreise von Berlin noch empfing, äso daß ich Dir nur durch einen auf dem Nürnberger Bahnhofe zufällig angetroffenen Dilettanten, der Dich heimsuchen wollte, danken lassen konnte,å hat mich wahrhaft gerührt, wie ich mich nicht erinnere seit lange bewegt worden zu sein. Wäre ich hier allein, ich hätte es vielleicht verwerthen können. Es kostet aber ebenso viel Mühe d. h. Zeit sich in Etwas einzuarbeiten als die nöthige Vorbedingung zu erfüllen, sich aus dem Störenden herauszuarbeiten. äDie Weimarische Geschichte hat mir einen wesentlichen Strich durch meine Rechnung gemacht. Dazu das impertinent schöne Wetter, das ich schon meiner spazierlustigen Frau wegen nach Möglichkeit ausbeuten mußte! Das ferner wahrhaft bestialische Schlafbedürfniss, das den ungewohnten Pedalstrapatzen folgt!å Trotzdem mir die hiesige Luft-Cur, (die positivste) recht gut anschlägt, thut es mir unendlich leid, die ursprüngliche Absicht, einen längeren Aufenthalt in Wiesbaden oder Umkreis zu einer freien, also ruhigen Thätigkeit zu verwenden, haben aufgeben müßen. Deine Gesellschaft würde mir viel genützt haben. Bei aller Entmuthigung, die Deine Meisterschaft einflössen muß, hast Du die Gabe einer „Mäeutik“, deren mein an musikalischen Congestionen leidender Kopf dringend bedürfte. Nun – acht Tage sind mir immer lieber als keine Stunde mit Dir verlebt zu haben. äMeine Frau, die Dir durch mich den herzlichsten Dank sagen lässt für Deine mir bewiesene Freundschaft, lässt sich der Deinigen bestens empfehlen. Sie ist wahrhaft unglücklich, mich auch diesmal nicht begleiten zu können, wie sie [....] ferner dem Weimarischen Musikfeste entsagen muß.å Könntest Du nicht den guten Einfall haben, d. h. ausführen, die erste Woche des August zu einem Besuche bei Deinem Herrn Schwiegervater zu benutzen? Ich bin von Wenigem so überzeugt als von der Freude, die Deine Anwesenheit Liszt bereiten würde. Nach dem Vorausgeschickten wäre es keine bedeutungslose Freundlichkeit von Dir. Daß es kein Gegenbesuch Deinerseits sein würde, daran ist Liszt nicht Schuld, der seinen Aufenthalt in Paris zu verlängern gezwungen war und desshalb flugweise nach Weimar rückkehren mußte. äEinstweilen lebe wohl. Mit treuergebenen Grüssen Dein 19 Juli 1860◊2 HvBülow.å



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (19. 7. 1861); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 22. 4 2026.