Verehrter freund, gestern Abend von einer zweitägigen Excursion nach dem Königssee
zurückgekehrt, finde ich Deine Zeilen vor, die ich, nicht ohne vorhergängiges
Schwanken aber mit entschiedenem Vergnügen – nachdem ich die Bedenken zum Schweigen
gebracht – dahin erwidere, daß ich am 8 August in Wiesbaden eintreffen werde, am 9
spielen und ein sechs Tage mich an Deiner Gesellschaft, so weit Du sie mir widmen
magst, erfreuen will. Seit meinem letzten Briefe aus Berlin hat sich leider Manches
in meinen Plänen geändert: die beabsichtigte längere Erholung ist durch ein höheres
Veto in ziemlich enge Gränzen eingeschränkt worden. Ende nächster Woche muß ich nach
Weimar reisen und meine Frau hier ihrem Schicksal überlassen. Mein Schwiegervater
wünscht durchaus, daß ich an der Tonkünstlerversammlung einen activen Theil nehme –
als Dirigent. Die Aufführung der Faustsinfonie und die Hälfte des dritten Tages
(Conzert mit Manuscriptenprogramm) ist mir zugedacht. Dir kann ich jetzt das bald
öffentliche Geheimniss mittheilen, daß der Zeitpunkt dieser vermuthlich letzten
Tonkünstlerversammlung zugleich der des ewigen Abschiedes Liszt’s von Weimar und
„seinem kunstsinnigen Grossherzoge“ sein wird. Eine Altenburg wird’s vom 15 Aug. an
nicht mehr geben: sämmtlichem Dienstpersonale ist aufgekündigt, die Koffer werden
gepackt, Liszt geht zunächst dann nach Rom. Unter diesen Umständen muß mir der für
mich ehrende Befehl höher gelten als die Rücksicht auf meine Gesundheit. Am 4. August
beginnt das Musikfest – die Proben mit dem Orchester und die Vorproben mit mir selbst
– was ich dirigire, muß ich sicher auswendig kennen – nöthigen mich den 26. Juli
diesen reizenden Ort zu verlassen. Am 7ten ist die Geschichte zu Ende – es scheint
mir sehr möglich, mit dem Nachtzug nach Wiesbaden zu reisen. Kennst Du Reichenhall?
Die Bekanntschaft ist der Mühe werth. Leider finden das gar zu viele Leute. Das Bad
ist überfüllt. äNamentlich wimmelt es von Berliner Juden und Musikern (Eckert, Esser,
Ehlert, Vierling, V. \und Ign./ Lachner, Papperitz, Radecke etc.)å Ich verkehre nur
mit Ehlert, der uns auf unseren Ausflügen – und Dank der Rüstigkeit meiner Frau
marschiren wir 6–8 Stunden den Tag über – zu begleiten pflegt. Noten werden nicht
gewechselt. Ausser einem zweistimmigen Abendlied – das hübscheste Trompetensignal,
das ich gehört habe – ist man, mit Ausnahme des Curhauses, wohin wir uns natürlich
nicht verirren, keinem musikal. Attentate ausgesetzt. Nur neulich habe ich meinen
Frack in ein Bettelconzert gesendet, um die Blösse eines Dresdner Pianisten zu
bedecken. Der geringe Erfolg macht mich glauben, daß es mit dem Frack allein auch in
Wiesbaden nicht genügen könne. Ich werde wiederum sehr unexerziert dahin kommen und
Du würdest mir einen wesentlichen Gefallen thun, mir zu rathen, womit ich am besten
die Conzertadministration „honoriren“ könnte, ausser mit meinem Berliner „Ruf“. Ist
eine Sonate von Beethoven (etwa „les Adieux“ ) ohne Hinausschmiss zu riskiren?
äGelegentlich, wenn es Dir nicht zu lästig, eine Notiz was meine Vorgänger geliefert,
ich bitte.å Dein Geschenk, das ich im Augenblick meiner Abreise von Berlin noch
empfing, äso daß ich Dir nur durch einen auf dem Nürnberger Bahnhofe zufällig
angetroffenen Dilettanten, der Dich heimsuchen wollte, danken lassen konnte,å hat
mich wahrhaft gerührt, wie ich mich nicht erinnere seit lange bewegt worden zu sein.
Wäre ich hier allein, ich hätte es vielleicht verwerthen können. Es kostet aber
ebenso viel Mühe d. h. Zeit sich in Etwas einzuarbeiten als die nöthige Vorbedingung
zu erfüllen, sich aus dem Störenden herauszuarbeiten. äDie Weimarische Geschichte hat
mir einen wesentlichen Strich durch meine Rechnung gemacht. Dazu das impertinent
schöne Wetter, das ich schon meiner spazierlustigen Frau wegen nach Möglichkeit
ausbeuten mußte! Das ferner wahrhaft bestialische Schlafbedürfniss, das den
ungewohnten Pedalstrapatzen folgt!å Trotzdem mir die hiesige Luft-Cur, (die
positivste) recht gut anschlägt, thut es mir unendlich leid, die ursprüngliche
Absicht, einen längeren Aufenthalt in Wiesbaden oder Umkreis zu einer freien, also
ruhigen Thätigkeit zu verwenden, haben aufgeben müßen. Deine Gesellschaft würde mir
viel genützt haben. Bei aller Entmuthigung, die Deine Meisterschaft einflössen muß,
hast Du die Gabe einer „Mäeutik“, deren mein an musikalischen Congestionen leidender
Kopf dringend bedürfte. Nun – acht Tage sind mir immer lieber als keine Stunde mit
Dir verlebt zu haben. äMeine Frau, die Dir durch mich den herzlichsten Dank sagen
lässt für Deine mir bewiesene Freundschaft, lässt sich der Deinigen bestens
empfehlen. Sie ist wahrhaft unglücklich, mich auch diesmal nicht begleiten zu können,
wie sie [....] ferner dem Weimarischen Musikfeste entsagen muß.å Könntest Du nicht
den guten Einfall haben, d. h. ausführen, die erste Woche des August zu einem Besuche
bei Deinem Herrn Schwiegervater zu benutzen? Ich bin von Wenigem so überzeugt als von
der Freude, die Deine Anwesenheit Liszt bereiten würde. Nach dem Vorausgeschickten
wäre es keine bedeutungslose Freundlichkeit von Dir. Daß es kein Gegenbesuch
Deinerseits sein würde, daran ist Liszt nicht Schuld, der seinen Aufenthalt in Paris
zu verlängern gezwungen war und desshalb flugweise nach Weimar rückkehren mußte.
äEinstweilen lebe wohl. Mit treuergebenen Grüssen Dein 19 Juli 1860◊2 HvBülow.å