Verehrter Freund, wenn es nicht Höflichkeit und Dankbarkeit erheischten, so wie mein
Wunsch, in Deinen Augen nicht als ein Praktikant der conträren Qualitäten zu
erscheinen, so würde ich Dir nicht schreiben, jetzt nicht. Ich bin erschrecklich „sur
le chien“ leiblich wie geistig und gehe ungern zu irgend einem Akte, der eine wenn
auch noch so untergeordnete Affirmation meines mich im höchsten Grade mißvergnügenden
Selbst im Gefolge hat. Die Pariser Excursion vor Allem hat mich auf längere Zeit
ruinirt; ich kann Dir nicht erklären, warum – „meminiße taedet“ – das war eine mir in
vieler Hinsicht schädliche Thorheit, und dergleichen darf sich eigentlich nur der
reiche Bummler erlauben. Was könnte ich wohlauf sein, wenn ich sie unterlassen hätte!
Genug davon. Leider ist’s übrigens nicht das allein, woran ich laborire. Während
meiner unseligen Abwesenheit ist meine arme Frau sehr krank gewesen. Der Arzt hat ihr
eine Molken- und Luftkur in Reichenhall verordnet, und ich muß sie zur Überwachung
ihrer Gesundheitspflege dahin begleiten. Gegen den 15 Juni reisen wir demnach fort um
vermuthlich zwei Monate das angerathene Mittel auszuprobiren. Erholungsbedürftig bin
nun zwar auch ich in hohem Grade, aber jenen Ort hätte ich mir nicht eben hierzu
auserwählt, sondern, wie es im vorigen Jahre mein Plan war, Wiesbaden, um mich Deines
Umganges zu erfreuen, und davon für meine Arbeiten zu profitiren. Dieser Wunsch ist
nun auch manchen seiner Collegen ins Gespensterreich nachgefolgt. Die Versäumniss der
Weimarischen Tonkünstlerversammlung, in deren Zustandekunft ich – unter uns –
mancherlei Zweifel hege, bekümmert mich dagegen weniger. Besten Dank nun vor Allem
für die Sendung. Wenn ich nur einen Geiger bei der Hand hätte! Das „ist aber nicht“
wie der Berliner sagt und so muß ich mich mit der Lectüre begnügen. Diese hat es mir
immerhin ermöglicht, mich trotz meiner Vorliebe für die erste der Sonaten, mehr und
mehr mit der zweiten zu befreunden. Obgleich mit Deinem Stil ziemlich hinlänglich
intimirt, komme ich doch häufig in den Fall, meine ersten Eindrücke Deiner Arbeiten
mit der Zeit zu deren Gunsten zu berichtigen: so hat z. b. erst kürzlich die Ballade
aus Op. 74 mir angefangen so zu gefallen, daß ich sie ordentlich spielen kann. Die
Peters-Friedländerschen Stücke werden bereits inner- als ausserhalb des
Conservatoriums von meinen Schülern fleissig studiert. äIch lasse mir’s besonders
angelegen sein, nach meinen Kräften zu thun, daß sie sich als gangbare Artikel
erweisen, damit der übrigens nicht unternehmungsunlustige Verleger gelegentlich
besser von Dir benutzt werden könne.å Cacoucha hat natürlich den meisten Erfolg. „Ad
vocem“ Conservatorium – so wurden übrigens bei der letzten Prüfung Ende März zwei
Frühlingsboten[,] No 12 und Frühlingsnahen[,] von einem meiner Schüler mit Beifall
gespielt. Dein Feuillton kann ich leider nicht mit Gleichem erwiedern. Die
politischen „faits divers“ liesest Du ja wohl in den Zeitungen – was in Musikalischem
der Rede werth, desgleichen – also z. b. daß Liszt den kaiserlichen Hof fêtirt. Oder
sollte es Deine Frau Gemahlin interessiren, daß Frl. Pellet bei ihrem hiesigen
Gastspiele sehr gefällt? Ich besuche prinzipiell hier das Theater nicht. Nur neulich
verleitete mich zu einer Ausnahme unsere neue böhmische Nachtigall Frl. Lucca. Eine
kleine, naive, blutjunge Person mit einer prachtvollen Stimme, viel Feuer und
Auffassung, noch viel zu lernen übrig habend aber Spass machend durch ungewöhnliche
Frische und metallverschwenderische Energie. Übrigens dramatisches Talent, so daß sie
trotz ihrer Kürze bei pathetischem Wüthen nicht lächerlich erscheint. Der Tenor
Formes dagegen ganz fertig, beinahe wie Johanna Wagner. Viel Hofconzerte, zu denen
ich regelmässig beisteuern mußte: jedoch lässt man sich nur Paraphrasen Verdischer
oder Meyerbeerscher Melodie gefallen. Ich pflege gewöhnlich ein langes Programm
aufzusetzen, aus welchem Ihro Majestät eigenhändig Alles mit Ausnahme des
Obengenannten auszustreichen pflegt. In den Gesangnummern dasselbe Prinzip: der alte
Giacomo, der übrigens gar nicht verwittert aussieht, pflegt stets selbst zu begleiten
(die Kapellmeister sind persönlich unbeliebt); mich amüsirt’s, mit ihm zu verkehren:
er ist unglaublich fein. äVon neuen Opern kommt noch vor den Ferien: Nurmahal, nach
denselben Bott’s Mädchen v. Corinth, deßen Text dem, wie es scheint, inamoviblen
Hülsen sehr gefallen. Zum Ballet wäre er recht gut, der Rodenbergsche Text – für ein
musikal. Drama ist er schlecht. — Hoffend, bald wieder einmal Gutes von Dir zu hören,
weniger Schlechtes als heute von mir hören laßen zu können, mit ergebensten
Empfehlungen an Deine Frau und Schwägerin in freundschaftlicher Verehrung Berlin, 1
Juni 1861. Dein Clavierspieler 10. Schöneberger Strasse. HvBülow.å [copyright Simon
Kannenberg]