Paris, 18. februar 1861. Adr: Rue St. Georges 18. Verehrter freund, änimm mir meine
Unmanierlichkeit nicht übel, Dir noch nicht gedankt zu haben für die Sendung von
Mütze und Schlüssel die ich bei der Rückkehr von Zürich in Basel vorfand. Durch Hug
wirst Du wohl Dein gewaschenes Darlehn nebst dem Manuscripte für Schotts erhalten
haben. Die Höflichkeit einer Begleitzeile wurde mir durch meine sehr beschränkte Zeit
von dort aus ebenfalls unmöglich gemacht. Auch heute kann ich nicht durch die
Quantität der Federstriche das Versäumte nachholen. Nimm also mit einigen Notizen
vorlieb.å Erste Aufführung des Tannhäuser höchst wahrscheinlich schon Montag den
25sten. Ohne jede Übertreibung – die Darstellung wird alle Erwartungen übertreffen.
Es ist fabelhaft mit welcher Mühe, welchem Fleiss Chöre und Soli einstudiert sind. In
Deutschland hat man keine Ahnung von solcher technischen Vollendung, von solchem
Eifer. Neulich Sonnabend Abend war eine Probe der ersten Hälfte des ersten und des
ganzen zweiten Aktes ohne Costüm aber mit Szene und natürlich Orchester. Sie währte
von ½8 Uhr bis Mitternacht. Nirgends selbst im letzten Augenblick ein Zeichen von
Unaufmerksamkeit oder Erschlaffung. Alles militärisch auf dem Posten von A bis Z. Ich
traute meinen Ohren kaum: die Sache ist so einzig in ihrer Art daß es für jeden
Musiker rentabel sein dürfte die Reise nach Paris zu diesem Ereigniße eigens zu
unternehmen. Die Erweiterung des ersten Aktes ist sehr wesentlich. Die neue Musik
finde ich wunderbar schön. Hätte ich sie nur in der Partitur erblickt ich würde sie
gleich einem deutschen Kapellmeister für „unausführbar“ gehalten haben. Mme Tedesco
die Italiänerin hat mich gelehrt, daß eine deutsche Sängerin sehr lumpig sein muß
wenn sie die Parthie der Isolde nicht bewältigt. Marie Sax als Elisabeth glänzend –
namentlich im 2ten Finale (letztes Allegro) das ohne Strich gegeben wird. Im
Sängerkrieg ist dagegen eine Kürzung eingetreten. Walther als Copie des Wolfram ist
ausgelassen worden; die beiden Melopeen des Tannh. sind in eine zusammengezogen
worden und ein instrumentales Vorspiel oder Zwischenspiel vermittelt die Bemerkung
daß Tannh. sofort das Opfer einer Verzauberung wird, die ihn seiner sinnlichen
Umgebung sogleich entrückt und in den Traum der Erinnerung magnetisirt. Von der
Ausstattung lässt sich keine Schilderung entwerfen. Das ist so feenhaft schön, daß
man sehen muß, um zu glauben. Was deutsche Bühnen hierin etwa geleistet, ist
vergleichsweise nur kindlich zu nennen. Kurz das Berliner Dictum „was gemacht werden
kann, wird gemacht“ passt eigentlich nur auf Paris und zwar in jeder Beziehung. In
den ersten Tagen des März werde ich vermuthlich wieder abreisen, da das Leben hier
zwar schön aber sehr kostspielig ist. Etwa den 4 oder 5 denke ich in Carlsruhe zu
spielen – sollte ich in Mainz das zweite Lisztsche Conzert wirklich vortragen, so
müsste das am 6 oder 7 März etwa statthaben können. Mißverstehe mich nicht, wenn ich
Dir bekenne, daß mir dieses Auftreten jetzt völlig gleichgültig ist. Es wird mir zwar
immer eine Freude und Ehre sein durch Deine Vermittlung zu einer Darlegung meines
Pianistenthums zu gelangen – jedoch bitte ich Dich dringend, in diesem Falle für
Mainz gar keine Pression auf Marpurg u. Comp. auszuüben. Ich würde eben nur für das
zweite Lisztsche Clavierconzert resp. den Verleger desselben spielen; im Übrigen kann
ich, wie ich es bisher praktizirt, sehr schön und bequem auf Conzerteinladungen in
jener Gegend auch fernerhin warten. Auf alle Fälle habe ich mir jedoch ein Pianino
ins Zimmer bringen lassen, auf dem ich das für meine Vorderhufe noch neue Stück in
Morgenstunden, die Musse im Munde haben, einexerziren werde, wenn Du mich nicht
benachrichtigst, daß aus dem Projekt für Mainz nichts wird. Um gleich Alles zu
erwähnen – die Honorarfrage möge in der allerüblichsten Weise geregelt werden. Für
diesen speziellen Fall mache ich nicht die geringsten grossstädt. Ansprüche. Wie dem
übrigens sein möge, jedenfalls komme ich über Wiesbaden das Museum Deiner neuen
Partituren in Augenschein nehmen, wenn Du das verstattest. Armingaud, dem Dein
Quartett zugesendet worden war, habe ich noch nicht getroffen. Doch werde ich
benachrichtigt werden, wann ich ihm dieser Tage auf die unverschlossene „Bude rücken
kann“. Höre ich, was ich wünsche, so laße ich Dich’s wissen. äFür Deine Frl.
Schwägerin, der ich meine freundschaftlichste Empfehlung zu machen bitte, habe ich in
Basel nach Kräften die Ventilposaune geblasen. Man freut sich ungemein auf sie und
sie wird sehr zufrieden sein. å Merkwürdiges Publikum in Basel! Ich habe nie solchen
Fanatismus für mich irgendwo erlebt. Ein zweiminutiger Empfang, deren◊1 Sturm ich
erst nach einem Dutzend Verbeugungen legte. Zweimaliger Hervorruf nach der
Mozartschen Sonate u. s. w. Ich erzähle Dir das rein als Curiosum nicht für die
Signale, wie Du hoffentlich mich nicht beleidigen wirst anzunehmen. Dies Publikum
habe ich mir aber auch gezogen. Ich habe dort mit Op. 111 von Beethoven débütirt. Bei
dieser Gelegenheit den guten Witz eines Basler Oulibischeffs: „nun wundert mich die
Verrücktheit des K. v. Pr. nicht mehr, da er einen Hofpianisten hat, der solches Zeug
spielt.“ – Zwei Basler Mirèsse◊2/ begleiteten mich nach Zürich, mich dort zu hören wo
ich ein sogen. schlechtes Conzert gemacht habe aber viel Manipulationslärm erregt.
Entschuldige die uninteressante Schwätzerei – ich kann eigentlich nur von der grossen
Oper schwärmen und besser ich langweile mit Vermischtem als mit einem Leitartikel.
Conzertisten von auswärts: Schulhoff u. Josef Wieniawski ohne sehr sonderlichen
Success. Tannh. ist die Axe, um die sich die Musikwelt jetzt hier dreht. Den Erfolg
weiss Gott oder L. N. äTausend dankende Grüsse Deiner liebenswürdigen Frau. Mit
herzlicher Ergebenheit Dein Hans vBülowå [Copyright Simon Kannenberg]