Lieber Freund, Schönen Dank für Deine liebenswürdigen Zeilen; weniger Freude hat mir
der Artikel „zur Säcularfeier“ in dem Sonntagsblatt gemacht. Das alte „mf“ gefiel mir
beßer als das neue R,◊1 obwohl der Aufsatz süperb geschrieben war. Ich sende Dir
hierbei die Berliner Onkel- und Tantelei über Deine Sonate. Ich hatte nicht gehofft,
die Leute so anständig zu sehen – d. h. verhältnißmäßig. – Stern ist sehr gern
bereit, noch in dieser Saison ein größeres Werk von Dir zur Aufführung in seinem
Verein zu bringen, ob zuerst mit Orchester ist noch eine Frage, wegen des bedeutenden
Kostenpunktes. Er ist mehr disponirt für „Dornröschen“ als für den Psalm, für deßen
Mittheilung ich Dir vielmals danke. Namentlich der letzte Satz ist ein Meisterwerk
von contrapunktischer Arbeit und ich bemühe mich, daraus zu lernen. Auch der erste
muß von schöner Wirkung sein. Deine Sinfonie schick doch an Taubert ein; der große
Neidhammel, der mir in die Pianofortation hineinpfuscht, wie ich ihm ins Dirigiren,
obwohl mit mehr Glück als er – möchte Stern jetzt Opposition machen und sagen: auch
bei mir wird Neues nicht verschmäht – die Leute können das Nämliche bei mir haben,
nur mit beßerer Auswahl. Er hat gestern eine Sinfonie von Radecke zum Besten gegeben,
die ihr D moll und B dur bei von der Neunten, die hier immer noch der Zehnte nicht
versteht, in eigenmächtige Commißion genommen hat, deren mittlere Sätze aber von
Talent und Geschick zeugen. Das Publikum machte anfangs Opposition, was regelmäßig in
dem Lokale bei einem neuen Namen geschieht (die Genovevaouvertüre wurde ausgezischt)
– wurde aber namentlich beim letzten Satz warm und wohl wegen einiger Appellationen
an ordinäre Gefühle. – Die Arbeit taugt übrigens mehr als eine drgl. von Richard
Würst, einem der arrogantesten und philiströsesten Handwerker, der äan dem „penis“
des Apollo wimmeln magå. Stern hat, ich weiß nicht warum, ein „tendre“ für das
Männlein, obwohl sich seine Produkte nicht bis zur Pikanterie einer Knoblauchsidee
versteigen. So wird denn im nächsten Conzerte eine Sinfonie von Würst gemacht, nicht
die Preissinfonie sondern eine frühere, der aber an salopper Erfindung und schofler
Arbeit entschieden der Preis gebührt. – Schreibe bald an Taubert (Lindenstraße 86),
ehe etwas vom „Dornröschen“ verlautet, damit auch Taubert sein „Röschen“ (so heißt
seine Frau – desshalb dieser schlechte Kalauer) knicke. Der Kerl wird Dir nämlich die
Sinfonie bis zur Unkenntlichkeit verdirigiren. Aber das thut nichts. Beßer malträtirt
als ignorirt. Schreibe doch etwas a capella für den Domchor. Eine solch herrliche
Ausführung muß wirklich ein schöner Lohn für den Componisten sein. Ich bin eben in
der Skizzirung einer heiteren Es dur-Sinfonie begriffen, und hoffe Spaß von der
Arbeit zu haben. Soll ganz normal werden. Deine Schlesingerschen Transcriptionen laß
ich viel von Schülern und mehr noch Schülerinnen spielen. Prinzeß Louise spielt das
Tannhäuserstück ganz charmant. – In einer Gesellschaft bei Marx haben wir neulich
wieder Deine Sonate gespielt. Marx hat sich außerordentlich rückhaltslos-anerkennend
ausgesprochen. äSoupper å zeigte mir neulich seine Verlobung an. O Raff ! – ! – !
Kennst Du meine Orchesterfantasie? Ich will sie in der nächsten Woche einmal für mich
zu Gehör bringen – damit ich für meine Sinfonie einen immerhin negativen
Anknüpfungspunkt gewinne. Entschuldige das Durcheinander. Ich wollte Dir bald
antworten. Sit tibi Schindelmeißer – Hagen, wollte ich sagen – levis! äDein ganz
ergebener Berlin 8 Februar 1856 Hans vBülow.å [copyright Simon Kannenberg]