Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Berlin
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 8. Februar 1856 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 12
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Lieber Freund,
Schönen Dank für Deine liebenswürdigen Zeilen; weniger Freude hat mir der Artikel „zur Säcularfeier“
Veröffentlichung: Bülow Briefe Bd. 3; Marty 2014, S. 187f.; Kannenberg 2020.

Habe wenig Freude am Artikel "Zur Säcularfeier" im "Sonntagsblatt" [zum 100. Geburtstag von Mozart] gehabt. Das frühere Kürzel "mf" habe ihm besser gefallen als das jetzige "R". Sendet dem E. die "Onkel- und Tantelei" aus Berlin. Wiederholt, dass Stern weitere grössere Werke des E.s aufführen wolle, z.B. eher "Dornröschen" [WoO 19] (dessen letzter Satz ein "Meisterwerk von contrapunktischer Arbeit" sei) als den "Psalm" [WoO 8]. Fordert den E. auf, seine Sinfonie [WoO 18] an Taubert zu senden. Dieser habe eben eine Sinfonie von Radecke zum Besten gegeben, die besser sei als eine von Richard Wüerst, "einem der arrogantesten und philiströsesten Handwerker". Fordert den E. auf, etwas a capella für den Domchor zu schreiben. Skizziere gerade eine Es-Dur-Sinfonie. Lasse die "Schlesinger'schen Transcriptionen" [op. 62] von seinen Schülern spielen. Prinzessin Louise spiele "Tannhäuser" ganz gut. Habe mit Laub bei Marx wieder erfolgreich die Sonate [op. 73] aufgeführt. Soupper habe seine Verlobung [mit Emilie Genast] angezeigt. Wolle sich seine Orchesterphantasie mal zu Gehör bringen. Wünscht dem E. Glück mit Schindelmeisser und Hagen.

Lieber Freund, Schönen Dank für Deine liebenswürdigen Zeilen; weniger Freude hat mir der Artikel „zur Säcularfeier“ in dem Sonntagsblatt gemacht. Das alte „mf“ gefiel mir beßer als das neue R,◊1 obwohl der Aufsatz süperb geschrieben war. Ich sende Dir hierbei die Berliner Onkel- und Tantelei über Deine Sonate. Ich hatte nicht gehofft, die Leute so anständig zu sehen – d. h. verhältnißmäßig. – Stern ist sehr gern bereit, noch in dieser Saison ein größeres Werk von Dir zur Aufführung in seinem Verein zu bringen, ob zuerst mit Orchester ist noch eine Frage, wegen des bedeutenden Kostenpunktes. Er ist mehr disponirt für „Dornröschen“ als für den Psalm, für deßen Mittheilung ich Dir vielmals danke. Namentlich der letzte Satz ist ein Meisterwerk von contrapunktischer Arbeit und ich bemühe mich, daraus zu lernen. Auch der erste muß von schöner Wirkung sein. Deine Sinfonie schick doch an Taubert ein; der große Neidhammel, der mir in die Pianofortation hineinpfuscht, wie ich ihm ins Dirigiren, obwohl mit mehr Glück als er – möchte Stern jetzt Opposition machen und sagen: auch bei mir wird Neues nicht verschmäht – die Leute können das Nämliche bei mir haben, nur mit beßerer Auswahl. Er hat gestern eine Sinfonie von Radecke zum Besten gegeben, die ihr D moll und B dur bei von der Neunten, die hier immer noch der Zehnte nicht versteht, in eigenmächtige Commißion genommen hat, deren mittlere Sätze aber von Talent und Geschick zeugen. Das Publikum machte anfangs Opposition, was regelmäßig in dem Lokale bei einem neuen Namen geschieht (die Genovevaouvertüre wurde ausgezischt) – wurde aber namentlich beim letzten Satz warm und wohl wegen einiger Appellationen an ordinäre Gefühle. – Die Arbeit taugt übrigens mehr als eine drgl. von Richard Würst, einem der arrogantesten und philiströsesten Handwerker, der äan dem „penis“ des Apollo wimmeln magå. Stern hat, ich weiß nicht warum, ein „tendre“ für das Männlein, obwohl sich seine Produkte nicht bis zur Pikanterie einer Knoblauchsidee versteigen. So wird denn im nächsten Conzerte eine Sinfonie von Würst gemacht, nicht die Preissinfonie sondern eine frühere, der aber an salopper Erfindung und schofler Arbeit entschieden der Preis gebührt. – Schreibe bald an Taubert (Lindenstraße 86), ehe etwas vom „Dornröschen“ verlautet, damit auch Taubert sein „Röschen“ (so heißt seine Frau – desshalb dieser schlechte Kalauer) knicke. Der Kerl wird Dir nämlich die Sinfonie bis zur Unkenntlichkeit verdirigiren. Aber das thut nichts. Beßer malträtirt als ignorirt. Schreibe doch etwas a capella für den Domchor. Eine solch herrliche Ausführung muß wirklich ein schöner Lohn für den Componisten sein. Ich bin eben in der Skizzirung einer heiteren Es dur-Sinfonie begriffen, und hoffe Spaß von der Arbeit zu haben. Soll ganz normal werden. Deine Schlesingerschen Transcriptionen laß ich viel von Schülern und mehr noch Schülerinnen spielen. Prinzeß Louise spielt das Tannhäuserstück ganz charmant. – In einer Gesellschaft bei Marx haben wir neulich wieder Deine Sonate gespielt. Marx hat sich außerordentlich rückhaltslos-anerkennend ausgesprochen. äSoupper å zeigte mir neulich seine Verlobung an. O Raff ! – ! – ! Kennst Du meine Orchesterfantasie? Ich will sie in der nächsten Woche einmal für mich zu Gehör bringen – damit ich für meine Sinfonie einen immerhin negativen Anknüpfungspunkt gewinne. Entschuldige das Durcheinander. Ich wollte Dir bald antworten. Sit tibi Schindelmeißer – Hagen, wollte ich sagen – levis! äDein ganz ergebener Berlin 8 Februar 1856 Hans vBülow.å [copyright Simon Kannenberg]



Zum Digitalisat: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00133709/image_36
Bereitgestellt durch: Bayerische Staatsbibliothek München (BSB)
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0



Zum Digitalisat: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00133709/image_37
Bereitgestellt durch: Bayerische Staatsbibliothek München (BSB)
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0



Zum Digitalisat: http://daten.digitale-sammlungen.de/bsb00133709/image_38
Bereitgestellt durch: Bayerische Staatsbibliothek München (BSB)
Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0


Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (8. 2. 1856); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 11. 3 2026.