Geehrtester Freund! Indem ich Ihnen von ganzem Herzen ein glückliches Jahr wünsche, –
das die vielen Schulden des vergangenen gegen Sie einigermaßen tilgen möge –, suche
ich auch die meinige, die allzulange Verzögerung meines aufrichtigen Dankes für Ihre
ävon mir noch nicht beantwortetenå Briefe zu tilgen. Die frühere Erfüllung dieser
angenehmen Pflicht wurde mir durch den Umstand erschwert, daß ich mich nicht
entschließen konnte, jenen steifen, förmlichen Ton der mehr an den
reichsunmittelbaren deutschen Comment als \an/ attisches Wohlwollen streifenden
Höflichkeiten, mit welchen Sie mich zuletzt befehdeten, mit Gleichem zu erwiedern.
Dieser kalte, ceremoniöse Ton mußte mir – bei der so offenbaren Solidarität unserer
höchsten künstlerischen Intereßen – um so unfreudiger und unbehaglicher erscheinen,
als ich Ihnen in meinem Inneren stets die Verehrung gewidmet habe, welche der
Kunstjünger dem Meister zollt, und selbst in den einzelnen wenigen Fällen, wo gewiße,
ävielleicht nicht die besten,å Seiten meiner besonderen Individualität, mir die
Integrität meiner vollen Sympathie mit Ihnen verkümmerten, doch niemals mir die
Erkenntniß Ihrer hohen Superiorität an Geist, Begabung, Wißen und Erfahrung meiner
Unbedeutendheit gegenüber, im Entferntesten geleugnet habe. In der Besprechung Ihrer
„Frühlingsboten“, welche ich an Brendel in den letzten Tagen des alten Jahres
gesendet, ädoch mehr als rechtzeitig genug, um damit der Nichtabdruck derselben in
der nächsten Nummer der Zeitung nur dem Redakteur noch zur Last fallen kann,å habe
ich gesucht, meinen künstlerischen Gesinnungen für Sie einen schwachen Ausdruck zu
leihen. Indem ich hierbei gegen Ihren anticipirten Dank in Ihrem letzten Briefe zu
protestiren mich gedrängt fühle, muß ich auch zugleich meine Bitte um Entschuldigung
meiner unfreiwilligen Verzögerung dieses Artikels motiviren. – Einmal war es, daß ich
nur brockenweise bei meinem steten Reiseleben in einer Arbeit, die bei ihrer
Ausdehnung mir doch noch zu kurz gerathen ist, fortschreiten konnte, ferner die
zuletzt siegende Überlegung, daß es empfehlenswerth sein dürfte, die von mir
anfänglich eingeschmuggelten Episoden ironischer und polemischer Würdigung der Orakel
des Düßeldorfer Hindu und des boshaften Gekrächzes der Hallischen Unken auf das
richtige Maß „politisch“ flüchtiger Beiläufigkeit zurückzuführen. Es hat mich
letzthin in Berlin, wo ich einen solchen überraschenden Succeß gehabt habe, daß ich
es bei meinem (wohl baldigen) nächsten Besuch daselbst wagen kann und werde, meinen
musikalischen Glauben nach allen seinen verschiedenen Seiten hin zu bekennen, sehr
gefreut, in Koßak, der die Frühlingsboten im Echo rezensiren wird, einen Ihnen durch
dieses Werk völlig und ungetheilt erworbenen Freund und Bewunderer zu finden. Unsere
verabredete Zusammenkunft bei Kisting, wo ich ihn die Klavierstücke hören laßen
sollte, da er selbst sie nicht spielen kann, wurde kam leider nicht zu Stande. –
Vierling, den ich bei Marx kennen lernte und deßen Vater, dem ich Ihre Stücke in
einer Carlsruher Musikhandlung sämmtlich vorgetragen hatte, ihm davon geschrieben,
ist in diesem Sinne nun auch „koßakisch“ geworden. Die „Eclogue“ werde ich entweder
für „Echo“ oder die „N. Z.“ besprechen. In Bremen habe ich sie mit Conzertmstr. Hugo
Zahn (tüchtiger Geiger und Musiker) in Hannover mit Joachim äauchå mehrmals (auch vor
Zuhörern) gespielt. – Es sieht kurios und pretentiös aus daß ich Sie von meinen
„Verdiensten“ unterhalte; aber am meisten thut es eben mir selbst leid, daß ich
nöthig habe, Sie meiner „anständigen Gesinnung“ speziell zu versichern. Seit dem 29
Dezember bin ich hier in Braunschweig, wo ich meine Zeit zwischen Griepenkerl 1/3 und
Spohrs 2/3 völlig theile. In Hannover ennuyirt man sich auf die Länge wie ein Mops an
der Leine. Morgen kehre ich dahin zurück und spiele am◊2 [......] 7 Januar die
Webersche Polonaise und ungarische Rhapsodie mit Orchesterbegleitung. In Bremen habe
ich einen relativ bedeutenden Erfolg gehabt. äIch spielte das Es dur Conzert (wurde
sehr gut begleitet) Tannhäusermarsch und Rhapsodie No 12, auf mehrmaligem Zuruf noch
eine Soirée de Vienne. –å Joachim arbeitet an einer wahrhaft genialen Ouverture (man
muß nächstens eine beßere Bezeichnung finden) zu Grimm’s Demetrius. Um ihn nicht zu
sehr darin zu stören, habe ich eigentlich hauptsächlich diese Excursion hierher
gemacht, die ich übrigens durchaus nicht bereue. Prof. Griepenkerl, an dem Sie einen
sehr festen und zuverläßigen Verehrer besitzen und Frl. Rosalie Spohr, ädie nächstens
in Harfe angelegenheiten nach Paris reisen wird,å tragen mir herzliche Grüße an Sie
auf. Sie spielt weit schöner als früher, wie mich dünkt, und hofft, ihre
künstlerische Carrière bald endlich wieder fortsetzen zu können. Den 12 Januar werde
ich mit Joachim zusammen wohl in Leipzig ankommen. Ich freue mich sehr auf die
Möglichkeit, Sie daselbst persönlich wieder zu sehen. Was ist denn Ihre offene und
freie Meinung über das Risiko meines jetzigen etwaigen Debuts im Gewandhause? äNoch
Eines – und leider etwas Odioses. Ein Berliner Hallenser, Namens Dehn, den die
Mosesphantasie unseres verehrten Meisters Liszt sehr gegen Weimar aufgebracht zu
haben scheint, findet sich bemüßigt, seit lange in ganz Berlin über uns beide die
abenteuerlichsten und cariccirtisten◊3 Historien in einer ganz schamlosen und uns
beide gleichmäßig beleidigenden Weise (sonst würde ich es Ihnen nicht mittheilen)
herunterzuklatschen. Sascha Winterberger, Prof. Stahr – der ihm übrigens das nächste
Mal antworten wird – Herr Jul. v. Kolb u. viele Andere haben mir davon erzählt.
Leider erst zu spät – so daß ich mein-ihn-zur-Rede-stellen, event.
vor-Zeugen-beschimpfen auf 1854 versparen mußte. Dieses kurz zur Nachricht, im Falle
Sie selbst etwas gegen Dehn thun wollen. – Darf ich das Brendelsche
Frühlingsbotenexemplar für mich behalten? – Nochmals einen herzlichen Neujahrswunsch
Ihres Ihnen ganz ergebenen Freundes und Verehrers Hans v Bülow.å ◊4Schaeffer wüthet
gegen Sie (gelinde auch gegen mich – nur nicht mündlich!) – aber erst Robert Franz!
Warum reichen wir ihnen auch nicht christlichst die anderen Backen!