Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Braunschweig
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: Januar 1854 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 9
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Veröffentlichung: Bülow 1895 II, S. 161ff.; Marty 2014, S. 158-160; Kannenberg 2020.

Beklagt den "steifen, förmlichen Ton", den die Briefe des E.s ihm gegenüber angenommen haben. Versichert seine Freundschaft und Wertschätzung dem E. gegenüber. Berichtet von seiner Besprechung der "Frühlingsboten" op. 55 für Brendel und entschuldigt deren Verspätung. Wollte das "Orakel des Düsseldorfer Hindu" und das "boshafte Gekrächze der Hallischen Unken" [Friedrich Hinrichs und Robert Franz] beiläufiger behandeln. Habe einen überraschenden Erfolg in Berlin gehabt. Kossak, der die "Frühlingsboten" im "Echo" rezensieren werde, sei ein Bewunderer des E.s. Ein Treffen mit diesem bei Kisting sei nicht zustande gekommen. Habe Vierling bei Marx kennen gelernt. Habe Vierlings Vater in dessen Karlsruher Musikhandlung die "Frühlingsboten" vorgespielt, auch dieser sei "kossakisch" geworden. Wolle die "Ecloge" op. 57 entweder in der "Neuen Zeitschrift" oder für "Echo" besprechen. Habe diese in Bremen mit Hugo Zahn und in Hannover mit Joachim gespielt. Sei seit dem 29. Dezember in Braunschweig, teile seine Zeit zwischen Griepenkerl und Spohr. Spiele in Hannover Weber und Liszt. Lisztprogramm in Bremen. Joachim arbeite an einer Ouvertüre zu Grimms "Demetrius". Grüsse von Rosalie Spohr. Komme mit Joachim wohl am 12. Januar nach Leipzig. Fragt, ob er ein Debüt im Gewandhaus wagen solle. Ärgert sich über den "Berliner Hallenser" Dehn, den die "Mosesphantasie" Liszts gegen Weimar aufgebracht habe. Berichtet von dessen Beleidigungen gegenüber dem E. und dem A.. Habe dies von Winterberger, Stahr und Julius von Kolb erfahren. Auch Schäffer wüte gegen den E. und den A.

Geehrtester Freund! Indem ich Ihnen von ganzem Herzen ein glückliches Jahr wünsche, – das die vielen Schulden des vergangenen gegen Sie einigermaßen tilgen möge –, suche ich auch die meinige, die allzulange Verzögerung meines aufrichtigen Dankes für Ihre ävon mir noch nicht beantwortetenå Briefe zu tilgen. Die frühere Erfüllung dieser angenehmen Pflicht wurde mir durch den Umstand erschwert, daß ich mich nicht entschließen konnte, jenen steifen, förmlichen Ton der mehr an den reichsunmittelbaren deutschen Comment als \an/ attisches Wohlwollen streifenden Höflichkeiten, mit welchen Sie mich zuletzt befehdeten, mit Gleichem zu erwiedern. Dieser kalte, ceremoniöse Ton mußte mir – bei der so offenbaren Solidarität unserer höchsten künstlerischen Intereßen – um so unfreudiger und unbehaglicher erscheinen, als ich Ihnen in meinem Inneren stets die Verehrung gewidmet habe, welche der Kunstjünger dem Meister zollt, und selbst in den einzelnen wenigen Fällen, wo gewiße, ävielleicht nicht die besten,å Seiten meiner besonderen Individualität, mir die Integrität meiner vollen Sympathie mit Ihnen verkümmerten, doch niemals mir die Erkenntniß Ihrer hohen Superiorität an Geist, Begabung, Wißen und Erfahrung meiner Unbedeutendheit gegenüber, im Entferntesten geleugnet habe. In der Besprechung Ihrer „Frühlingsboten“, welche ich an Brendel in den letzten Tagen des alten Jahres gesendet, ädoch mehr als rechtzeitig genug, um damit der Nichtabdruck derselben in der nächsten Nummer der Zeitung nur dem Redakteur noch zur Last fallen kann,å habe ich gesucht, meinen künstlerischen Gesinnungen für Sie einen schwachen Ausdruck zu leihen. Indem ich hierbei gegen Ihren anticipirten Dank in Ihrem letzten Briefe zu protestiren mich gedrängt fühle, muß ich auch zugleich meine Bitte um Entschuldigung meiner unfreiwilligen Verzögerung dieses Artikels motiviren. – Einmal war es, daß ich nur brockenweise bei meinem steten Reiseleben in einer Arbeit, die bei ihrer Ausdehnung mir doch noch zu kurz gerathen ist, fortschreiten konnte, ferner die zuletzt siegende Überlegung, daß es empfehlenswerth sein dürfte, die von mir anfänglich eingeschmuggelten Episoden ironischer und polemischer Würdigung der Orakel des Düßeldorfer Hindu und des boshaften Gekrächzes der Hallischen Unken auf das richtige Maß „politisch“ flüchtiger Beiläufigkeit zurückzuführen. Es hat mich letzthin in Berlin, wo ich einen solchen überraschenden Succeß gehabt habe, daß ich es bei meinem (wohl baldigen) nächsten Besuch daselbst wagen kann und werde, meinen musikalischen Glauben nach allen seinen verschiedenen Seiten hin zu bekennen, sehr gefreut, in Koßak, der die Frühlingsboten im Echo rezensiren wird, einen Ihnen durch dieses Werk völlig und ungetheilt erworbenen Freund und Bewunderer zu finden. Unsere verabredete Zusammenkunft bei Kisting, wo ich ihn die Klavierstücke hören laßen sollte, da er selbst sie nicht spielen kann, wurde kam leider nicht zu Stande. – Vierling, den ich bei Marx kennen lernte und deßen Vater, dem ich Ihre Stücke in einer Carlsruher Musikhandlung sämmtlich vorgetragen hatte, ihm davon geschrieben, ist in diesem Sinne nun auch „koßakisch“ geworden. Die „Eclogue“ werde ich entweder für „Echo“ oder die „N. Z.“ besprechen. In Bremen habe ich sie mit Conzertmstr. Hugo Zahn (tüchtiger Geiger und Musiker) in Hannover mit Joachim äauchå mehrmals (auch vor Zuhörern) gespielt. – Es sieht kurios und pretentiös aus daß ich Sie von meinen „Verdiensten“ unterhalte; aber am meisten thut es eben mir selbst leid, daß ich nöthig habe, Sie meiner „anständigen Gesinnung“ speziell zu versichern. Seit dem 29 Dezember bin ich hier in Braunschweig, wo ich meine Zeit zwischen Griepenkerl 1/3 und Spohrs 2/3 völlig theile. In Hannover ennuyirt man sich auf die Länge wie ein Mops an der Leine. Morgen kehre ich dahin zurück und spiele am◊2 [......] 7 Januar die Webersche Polonaise und ungarische Rhapsodie mit Orchesterbegleitung. In Bremen habe ich einen relativ bedeutenden Erfolg gehabt. äIch spielte das Es dur Conzert (wurde sehr gut begleitet) Tannhäusermarsch und Rhapsodie No 12, auf mehrmaligem Zuruf noch eine Soirée de Vienne. –å Joachim arbeitet an einer wahrhaft genialen Ouverture (man muß nächstens eine beßere Bezeichnung finden) zu Grimm’s Demetrius. Um ihn nicht zu sehr darin zu stören, habe ich eigentlich hauptsächlich diese Excursion hierher gemacht, die ich übrigens durchaus nicht bereue. Prof. Griepenkerl, an dem Sie einen sehr festen und zuverläßigen Verehrer besitzen und Frl. Rosalie Spohr, ädie nächstens in Harfe angelegenheiten nach Paris reisen wird,å tragen mir herzliche Grüße an Sie auf. Sie spielt weit schöner als früher, wie mich dünkt, und hofft, ihre künstlerische Carrière bald endlich wieder fortsetzen zu können. Den 12 Januar werde ich mit Joachim zusammen wohl in Leipzig ankommen. Ich freue mich sehr auf die Möglichkeit, Sie daselbst persönlich wieder zu sehen. Was ist denn Ihre offene und freie Meinung über das Risiko meines jetzigen etwaigen Debuts im Gewandhause? äNoch Eines – und leider etwas Odioses. Ein Berliner Hallenser, Namens Dehn, den die Mosesphantasie unseres verehrten Meisters Liszt sehr gegen Weimar aufgebracht zu haben scheint, findet sich bemüßigt, seit lange in ganz Berlin über uns beide die abenteuerlichsten und cariccirtisten◊3 Historien in einer ganz schamlosen und uns beide gleichmäßig beleidigenden Weise (sonst würde ich es Ihnen nicht mittheilen) herunterzuklatschen. Sascha Winterberger, Prof. Stahr – der ihm übrigens das nächste Mal antworten wird – Herr Jul. v. Kolb u. viele Andere haben mir davon erzählt. Leider erst zu spät – so daß ich mein-ihn-zur-Rede-stellen, event. vor-Zeugen-beschimpfen auf 1854 versparen mußte. Dieses kurz zur Nachricht, im Falle Sie selbst etwas gegen Dehn thun wollen. – Darf ich das Brendelsche Frühlingsbotenexemplar für mich behalten? – Nochmals einen herzlichen Neujahrswunsch Ihres Ihnen ganz ergebenen Freundes und Verehrers Hans v Bülow.å ◊4Schaeffer wüthet gegen Sie (gelinde auch gegen mich – nur nicht mündlich!) – aber erst Robert Franz! Warum reichen wir ihnen auch nicht christlichst die anderen Backen!



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (1. 1. 1854); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 22. 4 2026.