Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Dresden
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 28. Dezember 1851 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 7
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Veröffentlichung: Bülow Briefe Bd. 1; Marty 2014, S. 142f.; Kannenberg 2020.

Sei nicht mehr rechtzeitig zum "Cäsar" nach Weimar gekommen. Habe sich die Arbeit von Kloß vergegenwärtigt. Komme am Dienstag in Weimar an. Marchesi reise in derselben Zeit nach Leipzig. Lüttichau habe sich als "Hofcanaillissimus" diesem gegenüber benommen. Habe den Brief des E.s bei Lüttichau gelassen. Die Partitur [WoO 14] liege bei Krebs. Dessen Faulheit verhalte sich zu der des als oberfaul verrufenen Adoptivvaters [Reissiger] wie Beethoven zum Komponisten Singer. Lipinski habe sein bestes getan, um die Oper mit Krebs am Klavier durchzugehen. Ärgert sich über Krebs, dessen Frau "acouchirt" habe. Fragt, was Zwickair [Meyerbeer] mache, der Uhlig gegenüber die Ouvertüre des A.s für verworren gehalten habe. Marie Wieck gedenke dem E. in Zärtlichkeit und könne diesen vielleicht für das "verloren gegangene Hellenenthum" [Doris Genast?] entschädigen. Dann solle der zweite Teil des "Faust" mit Eberweinscher Musik und ein allegorisches Schlusstableau nach Vischer gegeben werden. Werde Kaskel aufsuchen und den E. nicht vergessen. Mama, die auch andere Wünsche der Fürstin erfüllen wolle, grüsse, ebenso Isidore. Lüttichau geschehe nicht der geringste Gefallen mit der Annahme der "päbstlichen" Oper. Werde den Dichter Julius Pabst besuchen. Grüsse an Joachim.

Lieber freund und verehrter nachrichter! Vielen dank für Ihre nachrichten, die etwas zu spät kamen um mich noch zur rechten zeit zum Cäsar nach Weimar („immer mit den becken“) auf der bahn des eisens dirigiren zu können. Trotz des lakonism, welcher im ganzen Ihre zeilen auszeichnet, haben dieselben mich höchlichst amüsirt: ich vergegenwärtige mir lebhaft Kloßens alter ego – die heiterkeit des orchesters über die that des adjunkten, durch welche er sich die weihe des verkannten genies gegeben zu haben scheint, kurz ich verarbeite mir den stoff welchen Sie mir zu elastischer hilarität freundlichst verursacht haben. Ich hoffe, Sie befinden Sich ebenfalls wohl. Ich befinde mich zum wenigsten wohl. Man würd mür vörstöhn. Daß ich Ihnen heute ein vernünftiges wort schreibe können Sie nicht verlangen, zum wenigsten kann ich’s nicht prästiren. Glauben Sie deshalb aber nicht daß meine heutige momentane lustigkeit sich viel anders verhalte als ein eleganter Mozartscher satz zu dem brutalem◊1 trommellärm Hänschen’s, d. h. succeßive. Montag nachmittag reise ich von hier ab, bin also wohl Dienstag abend in Weimar. Ich deprezire jedoch für alle empfangsfeierlichkeiten. äMarchesi reist ungefähr zur gleichen zeit mit mir nach Leipzig. Lüttichau hat sich anfangs als hofcanaillißimus gegen ihn benommen; nach einem erfolg deßelben im privatkreise hat er sich veranständigt. M. hat ihn prächtig behandelt!å Lüttichau habe ich zweimal verfehlt, da ließ ich Ihren brief dort. Den tag drauf begegnete ich ihn◊2 in der katholischen kirche. Er war sehr vornehm und behauptete, keine zeit zu mündlicher unterredung mit mir zu haben.. Er wolle mir jedoch nachricht geben wegen des weiteren. Bis jetzt ist nichts erfolgt. Heute geh ich wieder hin. Die partitur liegt bei Krebs der sie noch nicht angesehen hat; er kann sie nicht lesen; es ist zu schwer für ihn. Übrigens verhält sich seine faulheit zu der Ihres als oberfaul verrufenen adoptivvaters, wie Beethoven zum componisten Singer. Lipinski hat sein möglichstes gethan, diesen älumpå zu bewegen, die oper mit ihm am klavier durchzugehn. Kr. meint, es sei langweilig, nachdem er früher nicht abgeneigt gewesen sein soll. äDoch man muß ihn entschuldigen; seine frau hat accouchirt. Übrigens könnte dieser l_hund bald von einem andern abgethan werden, da das zweite probejahr, was man ihm vergönnt hat, noch nicht abgelaufen.å Vielleicht schickt man, wenn seine frau die stimme verloren, diese amphibienfamilie wieder dahin, wo sie dem salzwasser näher sind als sonst. Was macht Zwickair, der hier an Uhlig gesagt hat, meine ouverture zeuge von talent, es sei aber alles sehr verworren? Marie Wieck gedenkt Ihrer mit zärtlichkeit. Vielleicht entschädigt Sie einmal diese repräsentantin der romantik für das verloren gegangene hellenenthum! Dann soll der 2te theil des Faust mit Eberweinscher music gegeben werden indem wir dann für den raub der Helena nach Vischers anleitung ein treffliches allegorisches schlußtableau arrangiren können. Doch genug des höheren. Kaskel werde ich besuchen und Sie dürfen mir zutrauen, daß ich – wenn es nicht aus rein künstlerischen motiven außerdem geschähe – nicht so undankbar sein werde, Sie zu vergeßen. äMama grüßt. Sie hat die bouquets besorgt, welche den 31 hoffentlich nach wunsch eintreffen werden und ist mit vergnügen bereit, auch andere commißionen der frau fürstin zu erfüllen. Isidore grüßt ebenfalls. Sie hat sich recht gefreut daß Sie ihrer immer erwähnen, wenn Sie schreiben.å Ich würde eher zurückgekehrt sein, wenn diese letzten tage nicht von den ersten wesentlich unterschieden gewesen wären. Im Vertrauen: Lütt. geschieht nicht der geringste Gefalle◊3 mit der annahme der päbstlichen oper. Julius Pabst (dichter) werde ich noch besuchen. Man ist hier noch nicht auf die kosten gekommen, die Pompeji verursacht hat. äDoch über dies alles mündlich. Leben Sie wohl! Gruß an Joachim und die übrigen. Ihr Bülow. Dresden, 28./12 51.å [copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (28. 12. 1851); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 11. 5 2026.