Lieber freund und verehrter nachrichter! Vielen dank für Ihre nachrichten, die etwas
zu spät kamen um mich noch zur rechten zeit zum Cäsar nach Weimar („immer mit den
becken“) auf der bahn des eisens dirigiren zu können. Trotz des lakonism, welcher im
ganzen Ihre zeilen auszeichnet, haben dieselben mich höchlichst amüsirt: ich
vergegenwärtige mir lebhaft Kloßens alter ego – die heiterkeit des orchesters über
die that des adjunkten, durch welche er sich die weihe des verkannten genies gegeben
zu haben scheint, kurz ich verarbeite mir den stoff welchen Sie mir zu elastischer
hilarität freundlichst verursacht haben. Ich hoffe, Sie befinden Sich ebenfalls wohl.
Ich befinde mich zum wenigsten wohl. Man würd mür vörstöhn. Daß ich Ihnen heute ein
vernünftiges wort schreibe können Sie nicht verlangen, zum wenigsten kann ich’s nicht
prästiren. Glauben Sie deshalb aber nicht daß meine heutige momentane lustigkeit sich
viel anders verhalte als ein eleganter Mozartscher satz zu dem brutalem◊1 trommellärm
Hänschen’s, d. h. succeßive. Montag nachmittag reise ich von hier ab, bin also wohl
Dienstag abend in Weimar. Ich deprezire jedoch für alle empfangsfeierlichkeiten.
äMarchesi reist ungefähr zur gleichen zeit mit mir nach Leipzig. Lüttichau hat sich
anfangs als hofcanaillißimus gegen ihn benommen; nach einem erfolg deßelben im
privatkreise hat er sich veranständigt. M. hat ihn prächtig behandelt!å Lüttichau
habe ich zweimal verfehlt, da ließ ich Ihren brief dort. Den tag drauf begegnete ich
ihn◊2 in der katholischen kirche. Er war sehr vornehm und behauptete, keine zeit zu
mündlicher unterredung mit mir zu haben.. Er wolle mir jedoch nachricht geben wegen
des weiteren. Bis jetzt ist nichts erfolgt. Heute geh ich wieder hin. Die partitur
liegt bei Krebs der sie noch nicht angesehen hat; er kann sie nicht lesen; es ist zu
schwer für ihn. Übrigens verhält sich seine faulheit zu der Ihres als oberfaul
verrufenen adoptivvaters, wie Beethoven zum componisten Singer. Lipinski hat sein
möglichstes gethan, diesen älumpå zu bewegen, die oper mit ihm am klavier
durchzugehn. Kr. meint, es sei langweilig, nachdem er früher nicht abgeneigt gewesen
sein soll. äDoch man muß ihn entschuldigen; seine frau hat accouchirt. Übrigens
könnte dieser l_hund bald von einem andern abgethan werden, da das zweite probejahr,
was man ihm vergönnt hat, noch nicht abgelaufen.å Vielleicht schickt man, wenn seine
frau die stimme verloren, diese amphibienfamilie wieder dahin, wo sie dem salzwasser
näher sind als sonst. Was macht Zwickair, der hier an Uhlig gesagt hat, meine
ouverture zeuge von talent, es sei aber alles sehr verworren? Marie Wieck gedenkt
Ihrer mit zärtlichkeit. Vielleicht entschädigt Sie einmal diese repräsentantin der
romantik für das verloren gegangene hellenenthum! Dann soll der 2te theil des Faust
mit Eberweinscher music gegeben werden indem wir dann für den raub der Helena nach
Vischers anleitung ein treffliches allegorisches schlußtableau arrangiren können.
Doch genug des höheren. Kaskel werde ich besuchen und Sie dürfen mir zutrauen, daß
ich – wenn es nicht aus rein künstlerischen motiven außerdem geschähe – nicht so
undankbar sein werde, Sie zu vergeßen. äMama grüßt. Sie hat die bouquets besorgt,
welche den 31 hoffentlich nach wunsch eintreffen werden und ist mit vergnügen bereit,
auch andere commißionen der frau fürstin zu erfüllen. Isidore grüßt ebenfalls. Sie
hat sich recht gefreut daß Sie ihrer immer erwähnen, wenn Sie schreiben.å Ich würde
eher zurückgekehrt sein, wenn diese letzten tage nicht von den ersten wesentlich
unterschieden gewesen wären. Im Vertrauen: Lütt. geschieht nicht der geringste
Gefalle◊3 mit der annahme der päbstlichen oper. Julius Pabst (dichter) werde ich noch
besuchen. Man ist hier noch nicht auf die kosten gekommen, die Pompeji verursacht
hat. äDoch über dies alles mündlich. Leben Sie wohl! Gruß an Joachim und die übrigen.
Ihr Bülow. Dresden, 28./12 51.å [copyright Simon Kannenberg]