Verehrter Freund! Sie werden mir gewiß zürnen, daß ich so schlecht Wort gehalten und
Ihnen seit länger als einem Jahre auf Ihren letzten Brief noch nicht geantwortet
habe, auch selbst einer neulichen durch Kroll an mich erlassenen Mahnung nicht
geachtet – doch binnen wenigen Tagen werden Sie das Vergnügen haben, mich in höchst
eigener Person wiederzusehen da ich am 24sten dieses in Weimar einzutreffen gedenke
um die dortigen musikalischen Herrlichkeiten zu genießen, welche Liszts zauberischer
Dirigentenstab dort ins Leben rufen wird. Ich freue mich ausnehmend auf die 8 Tage,
die ich in W. zubringen werde und die frohe Aussicht auch Sie nach so langer
Entfernung wiederzusehen, trägt wahrlich keinen geringen Theil dazu bei. Ich hoffe,
auch meine Mutter zu überreden mich nach W. zu begleiten. Charles Mayer habe ich
schon ebenfalls schon zur Reise dahin bestimmt; Theodor Uhlig, ein hiesiger Musiker,
Intimus von Wagner, dessen theoretische Arbeiten Sie aus der Brendelschen
Musikzeitung kennen gelernt haben werden, wird wahrscheinlich auch mitkommen. Das
Motiv, daß ich Ihnen so kurz vor unserer persönlichen Zusammenkunft noch schreibe,
ist die Bitte, mir gütigst Plätze zu bestellen und zu reserviren für alle
interessanten musikalischen Aufführungen, als Messias, Prometheus, Lohengrin u. s. w.
aus den etwaigen anderen mache ich mir nicht viel – und wenn es in Ihren Kräften
steht, auch den wahrscheinlichen, wenn auch noch nicht ganz sicheren Fall der Ankunft
meiner Mutter in dieser Beziehung zu berücksichtigen. äFür Mayer, der mir zwar sein
Kommen als ganz fest bestimmt hat, kann ich jedoch nicht Garantie leisten; ich denke,
Liszt wird für denselben immer noch Billets übrig haben. Ist es nun nicht zu
unbescheiden von mir, wenn ich Sie noch ersuche, mir durch ein Paar Zeilen hierher
\umgehend/ d. h. nach Dresden, große Reitbahngasse 16. 1 Tr. wissen zu lassen, an
welchem Tage die Fêten beginnen, da ich nicht gewiß weiß ob den 24 oder 25 August,
und wann ich also von hier abreisen muss?å Ich bin sehr begierig wieder einmal etwas
von Ihren Werken zu sehen oder zu hören wenn vielleicht Gelegenheit dazu da ist. Ich
habe so sehr lange gar nichts von Ihnen zu Gesicht bekommen, ausgenommen einer Kritik
in den Signalen über die Prophetenillustrationen von Liszt in der ich Ihren Styl zu
erkennen glaubte, eine Meinung, die die Unterschrift mezzoforte noch befestigt hat.
äMeine ergebensten Empfehlungen an Liszt. Leben Sie wohl, bester Herr Raff bis auf
baldiges Wiedersehen und erfüllen Sie freundlichst meine Bitte. Ihr Hans v. Bülow.
Dresden, 19 August 1850å