Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Leipzig
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: 15. Juli 1848 (Quelle)
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 2
Umfang: 4 Seiten
Material: Papier
Veröffentlichung: Bülow 1895, S. 113ff.; Marty 2014, S. 86-88; Kannenberg 2020.

Berichtet von Treffen mit Kistner, der ihm das Capriccio [op. 40] geliehen habe. Habe die Prätendentenfantasie [WoO 7] leider verlernt. Grüsse von Bartholf Senff. Berichtet von Konzert in Gewandhaus. Moscheles und David haben gespielt; Werke von Beethoven und Gade. Kistner habe eine skandalöse Fantasie von Willmers über "Ernani" gedruckt, unter Liedkompositionen ragen Franz und Wöhler hervor. Könne sich nicht mit Flügel befreunden. Erkundigt sich nach der Oper "König Alfred" [WoO 14] und Psalm. Glogaus Trauerspiel sei in Dresden aufgeführt worden und habe angesprochen. Emil Devrient und [Marie] Bayer haben mitgewirkt. Berichtet von Besuchen bei Moscheles. Hauptmann sei fortwährend unwohl gewesen, müsse Zuflucht bei Rietz nehmen. Habe Senff auf Lindpaintners Wunsch von der "Langweiligkeit" von dessen Oratorium "Abrahams Schooss" berichtet. Besuch bei Hofmeister. Berichtet von Studium. Spiele auf einem Instrument von Hertel. Habe Heine-Lieder, eine Sonate Nr. 1 und vierstimmige Freiheitslieder komponiert. Ärgert sich über die reaktionären Kräfte. Besuche den republikanischen und demokratischen Club. Empfehlungen der Mutter, auch an Kunigunde Heinrich.

Herrn Joachim Raff Stuttgart Kronprinzenstraße. König v. Würtemberg. Leipzig, 15 Juli 1848. Lieber Herr Raff! Sie haben, glaube ich, schon in Stuttgart einmal von meiner grenzenlosen Trägheit in der Correspondenz gehört aber vielleicht nicht gedacht, daß ich es darin bis zu einem so hohen Grade von Virtuosität bringen könnte – ja es ist weiß Gott! unverantwortlich wie die Wahl eines Reichsverwüsters daß ich nicht eher von der Erlaubniß, Ihnen schreiben zu dürfen, Gebrauch gemacht habe, noch dazu, da Sie mir eine Antwort versprochen haben; ich bitte Sie mir nur zu glauben, wenn ich Ihnen versichere, daß ich es mir jeden Tag vorgenommen habe aber nur nicht dazu gekommen bin, welches letztere Ihnen natürlich leichter zu glauben sein wird. Ganz Ihrer Voraussagung gemäß habe ich Herrn Kistner etwa ein Halbdutzend Mal verfehlt, ehe ich das Glück hatte ihn anzutreffen. Er war ziemlich freundlich gegen mich, bat mich ihn bald wieder zu besuchen, da er im Augenblick beschäftigt sei. Ich that es einige Zeit nachher nachdem sich die eben erwähnten Scene mit dem Verfehlens◊1 wieder einige Male wiederholt hatte – Kistner lieh mir das Cappriccio Op. 40. von Ihnen, welches ich jetzt studiert habe. Da ich die Prätendentenfantasie leider verlernt und vergessen habe und noch jetzt keine Anstalten gemacht werden, sie zu drucken, so erbat ich mir von ihm das Manuscript derselben, habe es aber bis jetzt noch nicht erhalten können. Herrn Bartolf Senff habe ich öfter das Vergnügen zu sehen gehabt, da ich meinen Bedarf an Notenpapier von dort bezog und mich nach allerlei erkundigte. Er läßt Sie freundlichst grüßen. Die Musik florirt wie sich denken läßt, hier nicht besonders jetzt hier. Das Beste was es gab, war ein Concert für die brodlosen Arbeiter in den sächsischen Fabrikbezirken im Gewandhaussaale. äMoscheles und David spielten, die 9te Sinfonie von Beethoven wurde recht gut gespielt und namentlich eine sehr originelle und frische Ouvertüre von Gade „im Hochlande.“ å Doch Alles dieses werden Sie ausführlicher und amüsanter in den musikalischen Zeitungen gelesen haben, als ich es Ihnen mitzutheilen vermag Heute über 8 Tage werden wir ein zweites Concert zum Besten der hiesigen brodlosen Arbeiter haben, was jedoch weniger interessant dem Programm nach ist als das erste. – Ich höre überhaupt von neuer Musik sehr wenig und bin gar nicht mit dem bekannt was in letzter Zeit erschienen ist. Kistner hat eine ganz skandalöse Fantasie von Willmers über den Ernani gedruckt; Sie werden an derselben wohl schon Ihre Augenweide gehabt haben. Von neueren Liedercompositionen sind die von Franz und Wöhler jedenfalls die vorzüglichsten. Mit den Flügelschen kann ich mich nicht befreunden, wie überhaupt mit dem ganzen Componisten nicht. Wie geht es mit Ihrer Oper? Es thut mir außerordentlich leid daß ich nicht das Vergnügen mehr haben kann, die einzelnen Stücke nach und nach ins Leben treten zu sehen, eines famoser als das andere. Ist Ihr Psalm wieder aufgeführt worden? – À propos, Ihr Mißtrauen und Ihre Menschenfeindlichkeit gehen doch zu weit, denn Glogau’s Trauerspiel ist nun wirklich in Dresden aufgeführt worden und hat das Publikum sehr angesprochen. Emil Devrient und die Bayer haben nach Kräften zu dem glücklichen Erfolge mitgewirkt. Es wird Ihnen gerade so mit Ihrer Oper gehen, daß Sie sie aufgeführt wird, ehe Sie Sich es versehen. Bei Moscheles war ich ein paar Mal. Er ist sehr freundlich und schien sich zu freuen daß noch Jemand Anderes als die Schüler des Conservatoriums seine Compositionen spielen. Ich spielte ihm aus den Allegri di Bravura (Op. 64 glaube ich) das zweite und dritte vor. äHauptmann ist fortwährend unwohl gewesen und kann oder will keinen Unterricht ertheilen; ich sehe mich also genöthigt, zu Kapellmeister Rietz meine Zuflucht zu nehmen, der Hauptmann’s Stelle am Conservatorium vertritt und energischer lebhafter als dieser ist.å Nach Kapellmeister Lindpaintner’s Wunsche habe ich Herrn Bartholf Senff viel von der Langweiligkeit von Abrahams Schooß vorerzählt; kürzlich stand auch in den Signalen die Ankündigung von der Existenz dieses Oratoriums mit dem Epitheton ornans „sehr langweilig“. äHerrn Hofmeister habe ich vor etwa zwei Monaten aus Langerweile einen Besuch abgestattet; er fing sogleich an, meine Theilnahme an seinen musikalischen Unterhaltungen zu requiriren, doch ich habe mich nicht wieder bei ihm sehen lassen. Ich höre 26 Stunden Collegien in der Woche philosophischen, philolog. u. histor. Inhalts; das Klavierspiel betreibe ich mäßig fleißig und spiele blos musikalischen Studenten vor; ich übe oftmals auf den neuen Flügeln von Hertel, denn das Instrument welches ich im Zimmer stehen habe, hält nicht viel aus.å Componirt habe ich in letzter Zeit meine Sonate Nro I, Ein Dutzend Lieder von Heine und ein halbes vierstimmige Freiheitslieder. Die leidige Politik hat mir auch viel Zeit weggenommen. Jetzt aber denke ich gar nicht daran, weil ich mich zu todte ärgern würde über die schändliche Reaktion und bis die zweite Revolution ausbricht besuche ich den republikanischen und demokratischen Clubb, den man sich nicht wie in Stuttgart aufzulösen erfrecht. äMeine Mutter läßt sich Ihnen und Md. Heinrich vielmals empfehlen; ich bitte Sie ebenfalls darum.å Wenn Sie erlauben, schreibe ich Ihnen bald vernünftiger und mehr, da sich bald eine Gelegenheit nach Stuttgart darbieten wird. – Ich wäre sehr glücklich, wenn ich hoffen dürfte, einige Nachricht von Ihnen zu erhalten. Leben Sie recht wohl indeß, verehrter Herr Raff äund vergessen Sie nicht ganz Ihren ergebensten HGvBülow. stud. jur.å [Copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff (15. 7. 1848); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 11. 4 2026.