Herrn Joachim Raff Stuttgart Kronprinzenstraße. König v. Würtemberg. Leipzig, 15
Juli 1848. Lieber Herr Raff! Sie haben, glaube ich, schon in Stuttgart einmal von
meiner grenzenlosen Trägheit in der Correspondenz gehört aber vielleicht nicht
gedacht, daß ich es darin bis zu einem so hohen Grade von Virtuosität bringen könnte
– ja es ist weiß Gott! unverantwortlich wie die Wahl eines Reichsverwüsters daß ich
nicht eher von der Erlaubniß, Ihnen schreiben zu dürfen, Gebrauch gemacht habe, noch
dazu, da Sie mir eine Antwort versprochen haben; ich bitte Sie mir nur zu glauben,
wenn ich Ihnen versichere, daß ich es mir jeden Tag vorgenommen habe aber nur nicht
dazu gekommen bin, welches letztere Ihnen natürlich leichter zu glauben sein wird.
Ganz Ihrer Voraussagung gemäß habe ich Herrn Kistner etwa ein Halbdutzend Mal
verfehlt, ehe ich das Glück hatte ihn anzutreffen. Er war ziemlich freundlich gegen
mich, bat mich ihn bald wieder zu besuchen, da er im Augenblick beschäftigt sei. Ich
that es einige Zeit nachher nachdem sich die eben erwähnten Scene mit dem
Verfehlens◊1 wieder einige Male wiederholt hatte – Kistner lieh mir das Cappriccio
Op. 40. von Ihnen, welches ich jetzt studiert habe. Da ich die Prätendentenfantasie
leider verlernt und vergessen habe und noch jetzt keine Anstalten gemacht werden, sie
zu drucken, so erbat ich mir von ihm das Manuscript derselben, habe es aber bis jetzt
noch nicht erhalten können. Herrn Bartolf Senff habe ich öfter das Vergnügen zu sehen
gehabt, da ich meinen Bedarf an Notenpapier von dort bezog und mich nach allerlei
erkundigte. Er läßt Sie freundlichst grüßen. Die Musik florirt wie sich denken läßt,
hier nicht besonders jetzt hier. Das Beste was es gab, war ein Concert für die
brodlosen Arbeiter in den sächsischen Fabrikbezirken im Gewandhaussaale. äMoscheles
und David spielten, die 9te Sinfonie von Beethoven wurde recht gut gespielt und
namentlich eine sehr originelle und frische Ouvertüre von Gade „im Hochlande.“ å Doch
Alles dieses werden Sie ausführlicher und amüsanter in den musikalischen Zeitungen
gelesen haben, als ich es Ihnen mitzutheilen vermag Heute über 8 Tage werden wir ein
zweites Concert zum Besten der hiesigen brodlosen Arbeiter haben, was jedoch weniger
interessant dem Programm nach ist als das erste. – Ich höre überhaupt von neuer Musik
sehr wenig und bin gar nicht mit dem bekannt was in letzter Zeit erschienen ist.
Kistner hat eine ganz skandalöse Fantasie von Willmers über den Ernani gedruckt; Sie
werden an derselben wohl schon Ihre Augenweide gehabt haben. Von neueren
Liedercompositionen sind die von Franz und Wöhler jedenfalls die vorzüglichsten. Mit
den Flügelschen kann ich mich nicht befreunden, wie überhaupt mit dem ganzen
Componisten nicht. Wie geht es mit Ihrer Oper? Es thut mir außerordentlich leid daß
ich nicht das Vergnügen mehr haben kann, die einzelnen Stücke nach und nach ins Leben
treten zu sehen, eines famoser als das andere. Ist Ihr Psalm wieder aufgeführt
worden? – À propos, Ihr Mißtrauen und Ihre Menschenfeindlichkeit gehen doch zu weit,
denn Glogau’s Trauerspiel ist nun wirklich in Dresden aufgeführt worden und hat das
Publikum sehr angesprochen. Emil Devrient und die Bayer haben nach Kräften zu dem
glücklichen Erfolge mitgewirkt. Es wird Ihnen gerade so mit Ihrer Oper gehen, daß Sie
sie aufgeführt wird, ehe Sie Sich es versehen. Bei Moscheles war ich ein paar Mal. Er
ist sehr freundlich und schien sich zu freuen daß noch Jemand Anderes als die Schüler
des Conservatoriums seine Compositionen spielen. Ich spielte ihm aus den Allegri di
Bravura (Op. 64 glaube ich) das zweite und dritte vor. äHauptmann ist fortwährend
unwohl gewesen und kann oder will keinen Unterricht ertheilen; ich sehe mich also
genöthigt, zu Kapellmeister Rietz meine Zuflucht zu nehmen, der Hauptmann’s Stelle am
Conservatorium vertritt und energischer lebhafter als dieser ist.å Nach Kapellmeister
Lindpaintner’s Wunsche habe ich Herrn Bartholf Senff viel von der Langweiligkeit von
Abrahams Schooß vorerzählt; kürzlich stand auch in den Signalen die Ankündigung von
der Existenz dieses Oratoriums mit dem Epitheton ornans „sehr langweilig“. äHerrn
Hofmeister habe ich vor etwa zwei Monaten aus Langerweile einen Besuch abgestattet;
er fing sogleich an, meine Theilnahme an seinen musikalischen Unterhaltungen zu
requiriren, doch ich habe mich nicht wieder bei ihm sehen lassen. Ich höre 26 Stunden
Collegien in der Woche philosophischen, philolog. u. histor. Inhalts; das
Klavierspiel betreibe ich mäßig fleißig und spiele blos musikalischen Studenten vor;
ich übe oftmals auf den neuen Flügeln von Hertel, denn das Instrument welches ich im
Zimmer stehen habe, hält nicht viel aus.å Componirt habe ich in letzter Zeit meine
Sonate Nro I, Ein Dutzend Lieder von Heine und ein halbes vierstimmige
Freiheitslieder. Die leidige Politik hat mir auch viel Zeit weggenommen. Jetzt aber
denke ich gar nicht daran, weil ich mich zu todte ärgern würde über die schändliche
Reaktion und bis die zweite Revolution ausbricht besuche ich den republikanischen und
demokratischen Clubb, den man sich nicht wie in Stuttgart aufzulösen erfrecht. äMeine
Mutter läßt sich Ihnen und Md. Heinrich vielmals empfehlen; ich bitte Sie ebenfalls
darum.å Wenn Sie erlauben, schreibe ich Ihnen bald vernünftiger und mehr, da sich
bald eine Gelegenheit nach Stuttgart darbieten wird. – Ich wäre sehr glücklich, wenn
ich hoffen dürfte, einige Nachricht von Ihnen zu erhalten. Leben Sie recht wohl
indeß, verehrter Herr Raff äund vergessen Sie nicht ganz Ihren ergebensten HGvBülow.
stud. jur.å [Copyright Simon Kannenberg]