Absender: Hans von Bülow (C00114)
Erstellungsort: Godesberg
Empfänger: Joachim Raff (C00695)
Datierung: Quelle undatiert
Standort: Bayerische Staatsbibliothek (München)
Signatur: Raffiana I, Bülow, Hans von Nr. 132
Material: Papier
Incipit: Verehrter Freund,
der Wunsch wieder einmal von Dir Kunde zu erhalten – gute Kunde nämlich
Veröffentlichung: K. Birkin, Hans von Bülow, A Life for Music, Cambridge 2011, S. 247; Kannenberg 2020.

Berichtet vom Abbruch der Amerika-Tournee. Kam für einen Genesungsaufenthalt von London bis hierher. Wollte fernab des Bayreuther Festspiels sein. Lädt den E. ein, wenn er nicht nach Bayreuth gehe, nach Antwerpen ans flämische Musikfest am 13., 14. und 15. d. M. zu kommen.

Godesberg bei Bonn 6 August Verehrter Freund, der Wunsch wieder einmal von Dir Kunde zu erhalten – gute Kunde nämlich – siegt über die Scham, die ich empfinde, in dem seit Monaten ununterbrochen andauernden Zustande körperlicher und geistiger Heruntergekommenheit Lebenszeichen meinerseits zu geben. Seit 3 Juni von Amerika fort, wo ich nach Conzert No 139 meinen Contrakt lösen mußte und vier Wochen \lang/ ohne Aussicht auf Besserungsmöglichkeit dermaßen \dahin/ siechte, daß mich ein vielleicht sehr ungerechtfertigter Selbsterhaltungsdrang den Ozean zurückkreuzen hieß. Von Ärzten in London hierher zur hydropathischen Behandlung gesendet. Nach 6 Wochen Genuß einer solchen leider ein zèro gleiches Resultat! Freilich ist der ärztlichen Logik, daß jahrelange Gesundheitsbeschädigungen nicht durch Heilmittel von wenig Wochen reparirt werden können, nichts Stichhaltiges zu entgegnen. Ich muß mich in Geduld zu fassen suchen, was bei der überaus deprimirenden und widrigen Umgebung hierorts, freilich überaus peinlich ist – und mich mit dem Bewußtsein trösten, daß ich verdientermaaßen büße. Es „geht“ mir, wie ichs „getrieben“ haben. Ich hätte in dem mehr als wackeligen Zustande vorigen Herbst die Reise unterlassen sollen, mich der Verrücktheit enthalten sollen, das russische Riesen Beispiel nachzuahmen. Allein – æich hegte den Plan einer vollständigen Auswanderung – schon um nicht in der Nachbarschaft des Baireuther Festtheaters zu weilen, das zu besuchen gewissermaaßen ebenso absurd für mich war, als es nicht zu besuchen. ç Ohne das nicht in Rechnung gezogene Zusammenbrechen meines Nervensystems hätte ich meinen Plan auch ausgeführt, da die in der neuen Welt vorgefundenen Verhältnisse im großen Ganzen dafür günstig waren: aber ein Kranker ist drüben schlechter dran als ein Cadaver. Genug – ich halte es für ein Vergehen, Dich mit Jeremiaden über mein trauriges Schicksal zu behelligen – ich muß nur das Bedauerlichste kurz erwähnen: die dem Idiotismus nahe gränzende Verfassung meines Gehirns, die chronische Schwächung aller intellectuellen Fähigkeiten, den Musik ekel u. s. w. basta. Letzterer hat vielleicht die Bedeutung von „sauren Trauben“. Nun – meine „Mittel“ erlauben mirs – auf bessere Zeiten zu warten, doch bereue ich bitter den Preis den ich gezahlt, um ein zeitweiliges (?) otium sine dignitate zu erwerben. Es kommt mir zweifelhaft vor, ob Deine alte, gütige, vielbewährte Freundschaft von einem recht eigentlich Lebensschiffbrüchigen noch etwas wissen möchte: gleichviel, der Gedanke quält mich – da ich eben doch nicht incognito, auch als Patient nicht, in diesem Welttheile weiter zu existiren vermag, – durch ein längeres Schweigen Anlaß zu Mißdeutungen desselben zu geben, die nur noch peinlicher sein würden, als mir das Brechen dieses Schweigens fällt. æWäre nur erst dieser Monat vorüber! Er bietet ein martervolles Pendant zum Augustmonate des Jahres 1869 für mich! Gehst Du nach B. ? Falls nicht, so erlaube mir, Dir einen Vorschlag zu machen, dessen Annahme mir möglicherweise eine – moralische Rettung – bringen würde. Darf ich Dich einladen mit mir nach Antwerpen zum 1. vlämischen Musikfeste 13. 14. 15. l. M. zu gehen? Ich brauche eine Diversion. Ich kanns absolut nicht mehr ertragen in dieser Einsamkeit,ç die, obwohl durch das empfindlichste Gemisch von städtischem und ländlichen◊1 Lärm infestirt, mir ein Übermaß von Muße auferlegt, den Heautontimorumenos zu spielen. Allein – vermag ich mich nicht aufzuraffen. Mit Deiner Hülfe, Raff, könnte das ermöglicht werden und mein purgatorium verkürzt werden. Pardon! Diese während des Schreibens aufgetauchte „Inspiration“ ist eine jener krankhaften Grillen, die nur durch meinen gänzlich zerrütteten Nervenzustand erklärt, in diesem eines mildernden Umstandes theilhaft werden können. – Ich habe mich wieder einmal zu sehr „gehen lassen“ – gegen die Vorschrift des Arztes gesündigt – pure zu vegetiren. Du hast keinen Begriff, wie total mich die amerikanische Sklaverei aufgerieben hat! Eigne Schuld – die Buße ist hart – ich will aber versuchen, sie zu tragen – auch dieser Monat geht ja „vorüber“ – sie tragen – ohne Hilfe von narcotica, wie das eben erwähnte. Es ist mir zu Grüßen an die Deinigen gar nicht zu Muthe: von meinen innigsten Wünschen für ihr Wohl, das ja einen wesentlichen Theil des Deinen ausmacht, bist Du wohl überzeugt. Schreib mir ein kurzes Bülletin daß die Wirklichkeit mit meinen Wünschen harmonirt und widme im Übrigen nur eine sog. stille Theilnahme Deinem alten treuen und dankbarlich ergebenen Verehrer HvBw. [Copyright Simon Kannenberg]



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Zitiervorschlag: Bülow, Hans von: Brief an Joachim Raff ([6. 8. 1876]); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 16. 4 2026.