Godesberg bei Bonn 6 August Verehrter Freund, der Wunsch wieder einmal von Dir Kunde
zu erhalten – gute Kunde nämlich – siegt über die Scham, die ich empfinde, in dem
seit Monaten ununterbrochen andauernden Zustande körperlicher und geistiger
Heruntergekommenheit Lebenszeichen meinerseits zu geben. Seit 3 Juni von Amerika
fort, wo ich nach Conzert No 139 meinen Contrakt lösen mußte und vier Wochen \lang/
ohne Aussicht auf Besserungsmöglichkeit dermaßen \dahin/ siechte, daß mich ein
vielleicht sehr ungerechtfertigter Selbsterhaltungsdrang den Ozean zurückkreuzen
hieß. Von Ärzten in London hierher zur hydropathischen Behandlung gesendet. Nach 6
Wochen Genuß einer solchen leider ein zèro gleiches Resultat! Freilich ist der
ärztlichen Logik, daß jahrelange Gesundheitsbeschädigungen nicht durch Heilmittel von
wenig Wochen reparirt werden können, nichts Stichhaltiges zu entgegnen. Ich muß mich
in Geduld zu fassen suchen, was bei der überaus deprimirenden und widrigen Umgebung
hierorts, freilich überaus peinlich ist – und mich mit dem Bewußtsein trösten, daß
ich verdientermaaßen büße. Es „geht“ mir, wie ichs „getrieben“ haben. Ich hätte in
dem mehr als wackeligen Zustande vorigen Herbst die Reise unterlassen sollen, mich
der Verrücktheit enthalten sollen, das russische Riesen Beispiel nachzuahmen. Allein
– æich hegte den Plan einer vollständigen Auswanderung – schon um nicht in der
Nachbarschaft des Baireuther Festtheaters zu weilen, das zu besuchen gewissermaaßen
ebenso absurd für mich war, als es nicht zu besuchen. ç Ohne das nicht in Rechnung
gezogene Zusammenbrechen meines Nervensystems hätte ich meinen Plan auch ausgeführt,
da die in der neuen Welt vorgefundenen Verhältnisse im großen Ganzen dafür günstig
waren: aber ein Kranker ist drüben schlechter dran als ein Cadaver. Genug – ich halte
es für ein Vergehen, Dich mit Jeremiaden über mein trauriges Schicksal zu behelligen
– ich muß nur das Bedauerlichste kurz erwähnen: die dem Idiotismus nahe gränzende
Verfassung meines Gehirns, die chronische Schwächung aller intellectuellen
Fähigkeiten, den Musik ekel u. s. w. basta. Letzterer hat vielleicht die Bedeutung
von „sauren Trauben“. Nun – meine „Mittel“ erlauben mirs – auf bessere Zeiten zu
warten, doch bereue ich bitter den Preis den ich gezahlt, um ein zeitweiliges (?)
otium sine dignitate zu erwerben. Es kommt mir zweifelhaft vor, ob Deine alte,
gütige, vielbewährte Freundschaft von einem recht eigentlich Lebensschiffbrüchigen
noch etwas wissen möchte: gleichviel, der Gedanke quält mich – da ich eben doch nicht
incognito, auch als Patient nicht, in diesem Welttheile weiter zu existiren vermag, –
durch ein längeres Schweigen Anlaß zu Mißdeutungen desselben zu geben, die nur noch
peinlicher sein würden, als mir das Brechen dieses Schweigens fällt. æWäre nur erst
dieser Monat vorüber! Er bietet ein martervolles Pendant zum Augustmonate des Jahres
1869 für mich! Gehst Du nach B. ? Falls nicht, so erlaube mir, Dir einen Vorschlag zu
machen, dessen Annahme mir möglicherweise eine – moralische Rettung – bringen würde.
Darf ich Dich einladen mit mir nach Antwerpen zum 1. vlämischen Musikfeste 13. 14.
15. l. M. zu gehen? Ich brauche eine Diversion. Ich kanns absolut nicht mehr ertragen
in dieser Einsamkeit,ç die, obwohl durch das empfindlichste Gemisch von städtischem
und ländlichen◊1 Lärm infestirt, mir ein Übermaß von Muße auferlegt, den
Heautontimorumenos zu spielen. Allein – vermag ich mich nicht aufzuraffen. Mit Deiner
Hülfe, Raff, könnte das ermöglicht werden und mein purgatorium verkürzt werden.
Pardon! Diese während des Schreibens aufgetauchte „Inspiration“ ist eine jener
krankhaften Grillen, die nur durch meinen gänzlich zerrütteten Nervenzustand erklärt,
in diesem eines mildernden Umstandes theilhaft werden können. – Ich habe mich wieder
einmal zu sehr „gehen lassen“ – gegen die Vorschrift des Arztes gesündigt – pure zu
vegetiren. Du hast keinen Begriff, wie total mich die amerikanische Sklaverei
aufgerieben hat! Eigne Schuld – die Buße ist hart – ich will aber versuchen, sie zu
tragen – auch dieser Monat geht ja „vorüber“ – sie tragen – ohne Hilfe von narcotica,
wie das eben erwähnte. Es ist mir zu Grüßen an die Deinigen gar nicht zu Muthe: von
meinen innigsten Wünschen für ihr Wohl, das ja einen wesentlichen Theil des Deinen
ausmacht, bist Du wohl überzeugt. Schreib mir ein kurzes Bülletin daß die
Wirklichkeit mit meinen Wünschen harmonirt und widme im Übrigen nur eine sog. stille
Theilnahme Deinem alten treuen und dankbarlich ergebenen Verehrer HvBw. [Copyright
Simon Kannenberg]