Lieber Freund!
Vergeblich haben wir bis heute deinem freundl. Besuch hierselbst entgegengesehen, und ich beginne zu zweifeln, ob du vor deiner Abreise nach England dich überhaupt noch hieher wendest. Nun sind wir aber in der Lage, unsere Habseligkeiten behufs unserer Uebersiedlung nach frankfurt packen zu müssen. Am 29. d. M. müssen wir allbereits in letzterem Orte schlafen, da am 30. (Sonntags) nicht gezogen werden kann, und am 1. October in meinem hiesigen Quartier bereits Wagner eingezogen sein wird, nicht dein Baÿreuther freund, sondern ein preuß. Regierungsrath. Solltest du also jetzt hieherkommen, so wirst du uns in einer höchst ungemüthlichen Situation treffen. Wenn du aber im October noch auf dem Continent weilst, so wird es uns große freude machen, dich in unserer neuen Wohnung in frankfurt – Lehrstraße 39 parterre – als ersten Gast zu begrüßen.
So viel ich höre, geht es dir, wenn auch nicht gerade „gut“, doch „besser“, und ich will nicht annehmen, daß in dieser hinsicht das bessere des Guten feind sei. Dein bruder, welcher 4Wochen in England weilte, hat sich dieser Tage wieder angelegentlichst nach dir erkundigt.
Mancherlei wäre zu erzählen, und auszutauschen. Doch bleibt alles besser aufgespart bis zu einer Zeit, wo du ein ganz nervensicherer Mann bist. Ausserdem steckt man jetzt drin, und man muß sich daher ordentlich zusammennehmen, wenn’s zu was taugen soll. Sei also ausser Sorgen, daß ich dir den Kopf warm mache, wenn du uns besuchst. Du sollst gehalten sein wie ein rohes Ei.
Leb’ wohl für heute! Lene ist unpaß, und meine frau und Toni packen und lassen packen. Mitten im trouble habe ich eine Phantasie für 2 Klaviere componirt, um doch auch Etwas zu thun. Alle grüßen schönstens.
Dein getreuer
Wiesbaden 18. Sept. 1877. JoachimRaff.
copyright Simon Kannenberg