Absender: Joachim Raff (C00695)
Erstellungsort: Wiesbaden
Empfänger: Hans von Bülow (C00114)
Datierung: 2. September 1872 (Quelle)
Standort: Sächsische Landesbibliothek (Dresden)
Sammlung: Staats- und Universitätsbibliothek
Signatur: Mscr.Dresd.App.2551,42
Umfang: 2 Seiten
Material: Papier
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Bedauert, dass der E. nicht gekommen sei. Dessen alte Schülerin Heinz-Hallwachs habe am 28. gespielt (Schubert-Liszt-Fantasie und Liszts "Stummen-Tarantelle"). Der E. werde die Marchesa v. Tresana mit ihrem Mann inzwischen in München gesehen haben. Nehme keine Gratulationen für die "Waldsymphonie" entgegen. Habe seine eigene Religion und könne nur auf seine Weise selig werden. Seine Frau und er seien stets glücklich, vom Wohlergehen des E.s zu hören. Teilt mit, dass "die arme Schott" in Carlsbad mit der Zuckerkrankheit darniederliege. Schott sei dorthin abgereist.

Lieber Freund! ich habe herzlich bedauert, daß du nicht gekommen bist. Deine alte Schülerin – Heinz-Hallwachs – hat am 28. gespielt (Schubert-Liszt fantasie, u. Liszt Stummen-Tarantelle ), das hätte dich vielleicht interessirt. Marchesa Tresana mit ihrem Mann wirst du inzwischen in München gesehen haben. Aus den Musikzeitungen sehe ich inzwischen, daß du in München bleiben wirst, und habe mich also mit dem Gedanken abfinden müssen, dich vorläufig nicht hier zu sehen. Diese Resignation wird mir noch eindringlicher aufgenöthigt durch den Passus – deines briefes, daß dir vor Wiesbaden „bange;“ denn ich ziehe aus demselben den Schluß, daß hier in loco Etwas (mir natürlich unbekanntes) sein müsse, wovor Dir wirklich Angst ist. Glaube nicht, daß ich dich über Etwas inquirire, was du mir nicht selbst freiwillig anvertraust. Sicher ist nur, daß ich von dem, was mir bislang anvertraut worden ist, keinen Mißbrauch gemacht habe. Gratulationen zu „Waldsÿmphonie“ nehme nicht an. Meine Reise bis zu meinem Erfolg, demjenigen der vollkommenen Genugthuung vor mir selbst, ist noch sehr weit, und das Einzige tröstet mich, daß ich, hievon erfüllt, nicht ablasse an meiner besserung zu arbeiten. Vielleicht werde ich doch noch. hierbei kann ich nicht unterlassen zu bekennen, daß ich meine eigene Religion habe, und nur auf meine Weise selig werden kann. Mein Schreibtisch liegt so voll Arbeit wie kaum jemals, und so schließe ich. Meine Frau und ich sind stets ganz glücklich, wenn wir hören, daß es dir wohlergeht, daß dir Etwas gelingt, oder dir Gutes widerfährt. So auch ist es uns jedesmal eine große Freude dich wieder zu sehen. Dies – denke ich – weißt du. Ohne also etwas weiteres beizufügen grüße ich dich von uns beiden aufs beste und bin stets Wiesbaden dein ergebener 2. September 1872. Joachim Raff. P.S. Vielleicht interessirt dich zu hören, daß die arme Schott die Zuckerkrankheit bekommen hat, und in Carlsbad schwer darniederliegt. Schott ist, wie ich höre, dorthin abgereist.



Bereitgestellt durch: Sächsische Landesbibliothek Dresden (SLUB)



Bereitgestellt durch: Sächsische Landesbibliothek Dresden (SLUB)


Zitiervorschlag: Raff, Joachim: Brief an Hans von Bülow (2. 9. 1872); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 13. 6 2026.