Lieber Freund!
Besten Dank für deine freundlichen Zeilen vom 19. Juli vorigen Jahres, welche mir vor kurzem durch die frau Marchesa v. Tresana, die noch hier weilt, überbracht worden sind. Im Hinblick auf die genannte Dame wäre es wünschenswert gewesen, daß du mir mit deinem briefe auch einen kleinen Theil deiner Virtuosität und wo möglich deines Italiänisch mitgeschickt hättest – wär’ so was möglich. Denn dergleichen Leute suchen doch immer nur Unterhaltung, und sind sehr enttäuscht, wenn sie diese nicht in der Weise finden, wie sie dieselbe erwarten. War ich nun schon früher nicht sehr kurzweilig, so bin ich in neuerer Zeit ganz unerträglich, indem ich von der Aussenwelt möglichst abgezogen fast nur noch der Verwirklichung meiner künstlerischen Absichten lebe. Sieht man, wie kurz das Leben ist, und wie lang die Kunst, die in der That einen ganzen Mann in Anspruch nimmt, und befindet sich ausserdem noch in einer so eigenthümlichen Lage wie ich – so hat man kaum Zeit genug für sich, geschweige für andere Leute. So bin ich denn auch erst 2 mal bei der Marchesa gewesen; aber ich will trachten noch einige Male hinzugehen.
Mit großer Freude haben Doris und ich von Alexandra M. gehört, daß du diesen Monat hieherkommen wollest.
Das trifft sich sehr glücklich, indem ich eben einige größere Arbeiten vollendet habe, und also am besten in der Lage bin, deiner froh zu werden. Viel wird Alexa Dich allerdings nicht loslassen.
heute geh’ ich mit Kind und Kegel auf die Platte, um des ersten sonnigen Tages zu genießen, den wir nach so und soviel Regengüssen wieder haben. Diese Woche kömmt auch Laub und trotz meinen Protesten soll ich doch die „Liebesfee“ /◊1 von ihm im Kurhaus zu hören bekommen.
Aus dem rheinischen Kurier ersehe ich, daß du wieder zwischen München und Mannheim hängst. Muß es durchaus ein M. sein? Lieb aber ist mir, daß Du die ... Andern nach Amerika gehen läßt.
Nach florenz zurück hast du, wie ich merke, keine Lust mehr. „Je nun – so dann“ sagt die Monika im Sonnwendhof. bei dieser Gelegenheit fällt mir ein: ich habe an Casamorata einen bedankmichbrief von wegen des Diplomes /◊2 geschrieben. Wärst du wohl so gut, mir anzudeuten, was du – denn du bist doch jedenfalls der Attentäter – für Complicen gehabt hast? Man muß doch seine Gläubiger kennen.
Es war recht faul, daß du nicht in Florenz warst: Schnurrig ergieng es mir mit deiner Mutter. Man gab mir in deiner Wohnung ihre Adresse. Wie wir aber No 11. nachfragten, hieß es, sie sei ins haus daneben gezogen; dort aber wurden wir beschieden, sie wohne No 23. Wir also – meine frau war bei mir – die Via S. Spirito wieder hinab; aber in No 23 wollte erst recht kein Mensch etwas von ihrem Verbleibe wissen. Schließlich fiel uns ein, daß du sie auf die Reise mitgenommen haben könntest.
Uebrigens sind wir aus florenz ziemlich kunstlendenlahm fortgegangen. Es mußte da in kurzer Zeit – wir kamen am 11. Mai Abends an und giengen am 16. früh fort – gar zu viel gesehen werden. Doris konnte sich von der Tribuna nicht trennen. Mir aber hat Michel Angelos Nacht den größten Eindruck hinterlassen. So hat „jedes Thierchen sein Pläsirchen“. – Doch genug der Plauderei. Mündlich mehr, wenn es dich irgend interessiren kann. Du bist vielleicht so gut, und zeigst mir deine Ankunft noch genauer an? Ja?
bis dahin sei vielmals schönstens gegrüßt von deinem
Wiesbaden
12. August 1872. JoachimRaff