Absender: Joachim Raff (C00695)
Erstellungsort: Wiesbaden
Empfänger: Hans von Bülow (C00114)
Datierung: 8. März 1870 (Quelle)
Standort: Sächsische Landesbibliothek (Dresden)
Sammlung: Staats- und Universitätsbibliothek
Signatur: Mscr.Dresd.App.2551,37
Umfang: 3 Seiten
Material: Papier
Incipit: Lieber Freund!
Da von allen Seiten vernehme, daß du wirklich Medio Mærz
Veröffentlichung: Kannenberg 2020.

Vernehme, dass der E. im März, gleichzeitig wie W. in Berlin erwartet werde. Möchte den E. treffen. Reise am 20. d. M. nach Weimar, wo die Aufführung der "Dame Kobold" am 8. April stattfinde. Der E. solle sich die Oper anhören, wenn er sich noch in Deutschland befinde. Liszt komme erst später. Habe barbarisch mit der 3. Symphonie [op. 153] zu schaffen, da diese ebenfalls in Weimar aufgeführt werde und dann gleich in Stich gehe. Sehe niemanden, auch nicht die "Verehrl. Deinigen" des E.s. Die Suite [op. 101] sei in der Euterpe durchgefallen, teile also Lassens Schicksal. Denkt darüber nach, Aufführungen von seinen Werken in Leipzig zu verbieten. Zitiert Polonius [möglicherweise Heinrich Laube], der behauptete, dass die zweite Symphonie [op. 140] in Berlin mehr Erfolg gehabt habe. Diese sei in der Philharmonic Society in New York sehr gut aufgenommen worden. Die Schumann-Société in Paris habe das erste Trio [op. 127] gebracht, die Beethoven-Société die zweite Sonate [op. 78]. Maurin habe mit letzterer einen veritablen Triumph gefeiert. Fragmente der C-Dur-Suite [op. 101] haben in London im Crystal Palace sehr guten Erfolg gehabt. Manns wolle mehr bringen. Ledebur sei zur "Correction" nach Berlin berufen worden, kehre aber nächste Woche wieder hierher zurück. Jahn habe sich einen 10-jährigen Vertrag erschwindelt. Dieser habe in letzter Zeit gebracht: Cellini-Ouvertüre von Berlioz, Schumanns C-Dur-Symphonie und Bruchs Es-Dur-Symphonie. Wollte dem E. Buch von "Dame Kobold" schicken, wurde aber vom Buchbinder sitzen gelassen. Schicke Exemplar an Bechsteins Adresse.

Lieber Freund! Da von allen Seiten vernehme, daß du wirklich Medio Mærz – also gleichzeitig mit W. – in Berlin erwartet werdest, so wäre es doch hübsch, wenn es so eingerichtet werden könnte, daß wir uns irgendwo träfen. ich reise von hier am 20. d. M. ab nach Weimar, wo, wie dir bereits gemeldet, die Aufführung von „Dame Kobold“ am 8. April stattfinden soll. Wenn du dich so lang in Deutschland aufhältst, solltest du dir die Oper doch anhören. Du kannst ja ganz incognito in Weimar eintreffen und existiren, was ich schon besorgen werde. Liszt kömmt ohnehin erst später dort an. Ein Zusammentreffen mit ihm, wenn dir solches unangenehm, ist also momentan nicht zu befürchten. hierher zurück kehre etwa am 2. od. 3. Osterfeiertag, bis wohin Liszt bereits in Weimar eingetroffen sein wird; Nicht früher. habe immer noch barbarisch mit 3. Sÿmphonie zu schaffen, weil ebenfalls in Weimar aufführe und gleich in Stich gebe. Sehe daher gegenwärtig Niemand und habe auch die Verehrl. Deinigen seit 14 Tagen nicht gesehen, weßhalb ohne Neuigkeiten von dir. habe neulich Freude erlebt, daß Suite in Euterpe durchgefallen, theile also Lassen’s Schicksal. Aber tröste mich über flegelei der Lümmel, welche sich als die Stütze der „neudeutschen Schule“ vor hochmuth \kaum/ auskennen. Werde mich in Leipzig genau nach Sachverhalt erkundigen, und – wenn zweckmäßig erscheinend – Aufführung meiner Werke in Euterpe ein für alle Mal verbieten. Polonius sagte in seinem Jahresbericht: „J. Raff, gleichfalls ein fleißiger Componist, konnte mit seiner 2. Sÿmphonie in Leipzig keinen Erfolg erringen; dieselbe fand in Berlin bessere Aufnahme. u. s. w.“ ist ganz erlogen und riecht stark nach anderweitiger Instruction. Sÿmphonie ist übrigens neulich in philharmonic Societÿ in New-York sehr gut aufgenommen worden. Schumann-Société in Paris hat 1. Trio gebracht; Beethoven-Société ebendaselbst 2. Sonate. Maurin hat mit letzterer veritablen Triumph gefeiert. fragmente der C dur Suite haben letzte Woche im Christall-Palast in London sehr guten Erfolg gehabt. Mr [Manss?] \Manns / beabsichtigt mehr zu bringen, woran es nicht fehlen lassen werde. – Sonst Nichts Neues von hier! h. v. Ledebur ist zur „Correction“ wie sie hier sagen, nach Berlin berufen worden, soll aber diese Woche wieder hierher zurückkehren. Jahn hat endlich sein Ziel erreicht und einen 10jährigen Contract erschwindelt. In letzter Zeit hat er gebracht: Berlioz Cellini-Ouvertüre, welche den Deutschen immer noch zu hoch liegt, mir aber wieder sehr gefallen hat; sodann Schumanns C dur Sÿmphonie, an Mache gut an Ideen arm; endlich Bruch’s Es dur-Sÿmphonie. Erster u. letzter Satz elend. Scherzo amüsant, und Einleitung zum letzten Satz obgleich nicht eigentlich sÿmphonisch, doch würdig, und schön instrumentirt. hatte dir Buch von „Dame Kobold“ schicken wollen; allein buchbinder hatte mich sitzen lassen, weil mit seinem Etablißement umzog. Da du nach Deutschland kömmst, so werde dieser Tage Exemplar an Bechsteins Adresse nach Berlin gelangen lassen. – Inzwischen Lebwohl. Beste Grüße von uns allen dein getreuer Wiesbaden Raff. copyright Simon Kannenberg



Bereitgestellt durch: Sächsische Landesbibliothek Dresden (SLUB)



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Zitiervorschlag: Raff, Joachim: Brief an Hans von Bülow (8. 3. 1870); https://portal.raff-archiv.ch, abgerufen am 11. 3 2026.