Das Joachim-Raff-Archiv

Severin Kolb, Leiter des Joachim-Raff-Archivs

Seit dem 1. August 2018 ziert das Konterfei eines grimmig dreinblickenden Herrn die Anschlagtafel des ehemaligen Gemeinde- und Schulhauses am Lachner Seeplatz. Joachim Raff ist zurück an seiner Geburtsstätte, die jahrzehntelangen Bestrebungen der Joachim-Raff-Gesellschaft haben Früchte getragen. Aufgrund eines glücklichen Zufalls, der es wollte, dass einer der Mieter genau auf die bereits angesetzte Eröffnung des Archivs auszog, und dank der Unterstützung der Gemeinde Lachen und der Karl-Lamperti-Stiftung bietet das Erdgeschoss des Hauses nun dem Joachim-Raff-Archiv eine Unterkunft.

Das Archiv, Ausstellungsräumlichkeit und Forschungsstätte in Einem, beheimatet die zahlreichen Schätze, die Res Marty – der langjährige Präsident der Joachim-Raff-Gesellschaft – in über 40 Jahren Sammeltätigkeit zusammengetragen hat. Im Bestand befinden sich über 70 originale Briefe mit direktem oder indirektem Bezug zu Raff (40 von Raff selbst), zudem mehrere autographe Albumblätter und Dokumente sowie ein Manuskript von Raffs Hand. Darüber hinaus umfasst die Sammlung Dutzende Erst- und Frühdrucke, auch von Komponisten in Raffs Umfeld. Zahlreiche historische Stiche von Orten und Personen mit Raff-Bezug und eine umfangreiche Dokumentationsbibliothek ergänzen die Sammlung. Die Exponate wurden bereits in Lachen, Rapperswil sowie Winterthur ausgestellt und stiessen auf reges Interesse. Die attraktiv gestaltete, laufend aktuell gehaltene Ausstellung nimmt sich zum Ziel, dem Besucher einen Einblick in Leben und Werk Raffs zu geben, sowie die Schätze aus dem Archiv sichtbar zu machen. Der Schwerpunkt der aktuellen Ausstellung liegt auf Raffs Lachner Zeit.

Die Ausstellung richtet sich an ein breites Publikum: in erster Linie an Musikinteressierte aller Art, aber auch an Laien mit kulturellem oder lokalhistorischem Interesse. Der Eintritt ist frei, und wir hoffen, dass Neugierige, denen der Name «Raff» noch kein Begriff ist, einfach eintreten und sich umsehen. Das Archiv steht jeweils samstags von 10.00 bis 17.00 Uhr offen; nach Absprache kann das Archiv, wenn für uns irgendwie möglich, auch zu jeder anderen Zeit besichtigt werden. Die Joachim-Raff-Gesellschaft arbeitet mit Zürichsee Tourismus zusammen – das Archiv verleiht der March einen weiteren kulturellen Brennpunkt und erhöht die Standortattraktivität Lachens.

Zwei Leihgaben tragen besonders zur Ausstrahlung des Archivs bei: Das einzige uns bekannte Ölbild Raffs von Heinrich Georg Michaelis aus dem Todesjahr des Komponisten (1882) konnte vor einigen Jahren dank der Recherche-Arbeiten von Res Marty im Historischen Museum Frankfurt in einem Depot wiederentdeckt und identifiziert werden. Es wurde nun restauriert, erhielt einen neuen Rahmen und wird anfangs September nach Lachen geliefert.

Der Tessiner Unternehmer Lorenzo Olgiati stellt der Joachim-Raff-Gesellschaft zudem ein wunderschönes, aufwendig restauriertes Fortepiano der Wiener Manufaktur Franz Bayer aus dem Jahr 1868, also zur Zeit, als sich Raff dem Zenit seines Erfolgs näherte, zur Verfügung. Wir freuen uns sehr, dieses Instrument am 12. Dezember 2018 feierlich einweihen zu dürfen. Hyazintha Andrej (Cello) und Marta Patrocinio (Klavier), zwei aufstrebende junge Musikerinnen, spielen saisonal passend Raffs Klavierzyklus «Aus der Adventzeit», seine Cellosonate op. 183 sowie Robert Schumanns «Fantasiestücke» op. 73, dazu werden Briefstellen Raffs aus der Weihnachtszeit vorgelesen. Neben gelegentlichen Konzerten, oft kombiniert mit Lesungen oder Referaten, werden regelmässig auch andere Veranstaltungen durchgeführt, darunter solche mit pädagogischen Zielen.

Das Joachim-Raff-Archiv ist nicht nur ein Ausstellungsort, sondern auch eine international vernetzte Forschungsstätte, die die Grundlagen für die Erforschung dieses musikgeschichtlich interessanten Komponisten bereitstellt. Seit Beginn des Jahres 2016 lief ein orchestrierter Effort unter dem Motto «Raffiniertes Lachen», um die Sammlung von Res Marty wissenschaftlich zu erfassen und systematisch zu ergänzen. Auf physischer Ebene wurden dazu zahlreiche neue Bücher und Notenausgaben angeschafft. Der Bibliothekskatalog mit gut 1000 Einträgen wächst beständig und wird in Kürze auf der Website des Archivs (www.raff-archiv.ch) zugänglich gemacht. Ungefähr die Hälfte von Raffs gut 300 Werke umfassenden Oeuvre liegt in originalen Drucken vor, fast alle noch fehlenden Werke konnten durch Kopien vertreten werden. Im Rahmen des Projekts wurde auch das Archiv und damit die Geschichte der 1972 gegründeten Joachim-Raff-Gesellschaft aufgearbeitet (siehe Beitrag von Res Marty im Marchring-Heft Nr. 61). Die Unterlagen wurden in Ordner abgelegt und archiviert. Aus rechtlichen Gründen ist dieser Teil des Archivs der Allgemeinheit nicht zugänglich.

Einen Hauptteil der Projektarbeit machte die Erschliessung von Raff-Beständen anderer Institutionen aus. Kopien oder Scans von Quellen mit Raff-Bezug aus zahlreichen Bibliotheken und Archiven wurden angefordert und ausgewertet. Momentan sind Quellen aus 33 Bibliotheken und Archiven registriert, darüber hinaus zahlreiche weitere aus Privatbesitz. Sie liegen ausgedruckt im Archiv vor und können besichtigt werden. Demnächst wird eine systematische Anfrage bei weiteren Institutionen gestartet, die möglicherweise Raff-Quellen aufbewahren. Der grösste Teil der relevanten Quellen liegt in München. In Zusammenarbeit mit der Bayerischen Staatsbibliothek haben wir begonnen, den umfangreichen, faszinierenden Nachlass Raffs (knapp 2000 Briefe von und an Raff), den seine Tochter Helene der Bibliothek vermacht hat, zum ersten Mal systematisch auszuwerten. Für die Raff-Rezeption und sein Nachleben sind die Nachlässe von seiner Witwe Doris, sowie seiner Tochter Helene, die sich ebenfalls in der Bayerischen Staatsbibliothek befinden, von grosser Bedeutung. Diese werden noch dieses Jahr digitalisiert und finden so den Weg nach Lachen, wo sie Forschern ebenfalls zur Verfügung stehen.

Um die Briefe zu registrieren, wurde ein Briefverzeichnis angelegt. Es umfasst mittlerweile gut 2800 Einträge, die meisten davon stammen von oder richten sich an Raff. Zu gut 1200 dieser Briefe wurden bereits Regesten angelegt. Eine besondere Herausforderung ist die Auswertung von Raffs überaus umfangreichem Briefwechsel mit seiner Verlobten und späteren Frau Doris Genast. In den Jahren 1853 bis 1857 führten die beiden eine Fernbeziehung und schrieben sich fast täglich. Aufgrund des faszinierenden Inhalts der Briefe, die einen scharfen Blick auf die Zustände im Weimar des «Silbernen Zeitalters» erlauben, hat die Joachim-Raff-Gesellschaft eine grössere Herausgabe dieser Briefe in die Wege geleitet und bereits zahlreiche Briefe transkribiert. Im Rahmen eines in Baden, Zürich und Lachen durchgeführten Konzerts mit dem Badener Vokalensemble unter der Leitung von Prof. Martin Hobi erwies sich, wie lebendig unser Raff-Bild durch die vorgelesenen Briefstellen plötzlich wird.

Aus dem Fundus des Joachim-Raff-Archivs (Foto: Yvonne Götte).

Das Personenverzeichnis, das bei der Identifizierung der Leute in Raffs Umfeld einen wertvollen Dienst erweist, umfasst mittlerweile 1100 Einträge. Es liegt wie das Briefverzeichnis nun als XML-Datei vor. Vorbilder für den digitalen Auftritt des Joachim-Raff-Archivs sind die Datenbanken des Max-Reger-Instituts sowie jene der Carl Maria von Weber-Gesamtausgabe, beides Pionierprojekte, auf deren Erfahrungen aufgebaut werden kann. Bis Ende November werden die Datenbanken zusammengeführt und online verfügbar gemacht.

Das Joachim-Raff-Archiv erhält zudem eine Schriftenreihe beim Verlag Breitkopf & Härtel, der sich in den kommenden Jahren intensiv um die Neuedition Raff’scher Werke kümmern will. Zum Startschuss der Reihe werden die Beiträge des Eröffnungs-Symposiums herausgegeben. Die bereits erwähnte Brief-Edition soll auch in diesem Rahmen erscheinen, ebenso Simon Kannenbergs Dissertation über das Verhältnis von Raff und Hans von Bülow.

Die Existenz des Joachim-Raff-Archivs spricht sich bereits in der Fachwelt herum und seine Dienste werden beansprucht: In den letzten Monaten bearbeiteten wir Dutzende Anfragen von Forschenden und Musiker*innen, sowie von Institutionen wie dem Musikkollegium Winterthur oder der Schumann-Briefausgabe. Für die neuen Editionen Breitkopf & Härtels konnte auf die Arbeit des Joachim-Raff-Archivs zurückgegriffen werden. Die Klaviersonaten, herausgegeben von Prof. Dr. Ulrich Mahlert sowie die ersten beiden Streichquartette, ediert von Dr. Stefan König und Severin Kolb, erscheinen noch in diesem Jahr. Auch das im Entstehen begriffene Werkverzeichnis von Mark Thomas, das im nächsten Jahr bei der Edition Nordstern erscheinen soll, profitierte viel von den Erkenntnissen aus dem Archiv-Projekt.

Durch das Projekt wurde der Erforschung von Leben und Werk Joachim Raffs eine völlig neue Grundlage geschaffen, und Raff erhält durch das Archiv jene Präsenz in Lachen, die er als einer der bedeutendsten Komponisten seiner Zeit verdient. Die Arbeit geht jedoch so bald nicht aus, denn die Entdeckung Raffs für die Konzertsäle und die Bühnen sowie in der Wissenschaft hat gerade erst richtig begonnen.

Flyer zum Joachim-Raff-Archiv (PDF)

Autographes Albumblatt mit dem Beginn der «Suite à la Hongroise», 7. März 1875 (Foto: Sammlung Marty).